Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.
05:59

Formel Eins: Analyse Korea GP 2010

Etwas überraschend versackte die Veranstaltung in Korea nicht im erwarteten Chaos. Auch im Regen behielt man den Überblick, was man nicht von allen Fahrern behaupten konnte.

Die eigentliche Sensation am Wochenende lautete “Die Strecke in Korea ist fertig”. Sah der Kurs vor ein paar Wochen noch wie aus, als ob man gelassen ein Rennen für das nächste Jahr planen würde, hat man es mittels eingeflogener Arbeiter aus Deutschland und der halben Armee Koreas geschafft, zumindest Strecke und Boxenanlage fertigzubekommen. Wenn das mit der Armee ein beliebiger Diktator aus Nord-Korea gewusst hätte… Selbst der Asphalt hielt, er zerbröselte nicht unter der Last der breiten F1-Reifen, noch ölte er vor sich hin. Auch im Nassen fanden die Fahrer noch genug Grip. Hermann Tilke, der die letzten Arbeiten offenbar überwacht hatte, erwähnte, dass der Asphalt eine spezielle Polymer/Bitumen Mischung enthalten würde, was ihn einerseits schneller aushärten lassen würde, andererseits würde er deswegen auch nicht ölen. Auf der anderen Seite bedeutete das auch, dass das Wasser nicht in den Asphalt einsickern konnte, wie man dann im Rennen sehen konnte. Das alles war Mark Webber nach seinem desaströsen Fehler aber völlig egal, denn der hat vermutlich seine WM in die Mauer gesetzt.

Man sieht es selten, dass Mark Webber einen Fehler macht. Sein bisher einziger Ausfall in diesem Jahr passierte im Valencia-Rennen, als er einen spektakulären Überschlag hinlegte, nach dem er sich mit Kovalainen uneins über die Linie war. Der Ausfall am Sonntag gleicht einer Katastrophe. Zum einen war er unnötig. Er war etwas flott in T13, kam auf den Teppich und statt den Wagen rollen zu lassen, gab er leicht Gas. Das Resultat ist bekannt und es ist um so ärgerlicher, wenn man den Motorschaden von Vettel mit einrechnet. Natürlich ist dieses “Wenn er …” nicht hilfreich, aber ein Blick auf eine Tabelle mit einem Webber-Sieg dürfte in Österreich und Australien für Tränen in den Augen sorgen, wenn man vom folgenden Ergebnis ausgeht: Webber, Alonso, Rosberg, Hamilton. In der Tabelle hätte das bedeutet: Webber 245, Alonso 224, Vettel 206, Hamilton 204. Mit anderen Worten: Webber hat in Korea vermutlich den WM-Titel verloren. Oder zumindest nicht nach hinten absichern können. Ein Sieg hätte bedeutet, dass Vettel und Hamilton aus dem WM-Rennen raus gewesen wären. Was sie im Übrigen spätestens auch dann sind, wenn Alonso in Brasilien gewinnen sollte.

Red Bull hat also gleich zwei Matchbälle vergeben, wobei man für den Ausfall von Vettel ja nichts kann. Der geplatzte Motor von Renault dürfte angesichts des komplett fehlerlosen Wochenendes von Vettel den Ärger verdoppeln. Statt der WM-Führung hat man nun gar nichts mehr in der Hand und auch in der Team-WM sieht es wieder enger aus. Und die Unterstützung für Mark Webber im Team dürfte auch einen gewaltigen Dämpfer erhalten haben. Allerdings geschieht schon hier und da, dass ein Fahrer, der drei Rennen vor Schluss nicht punktet, noch Weltmeister wird. Das letzte Mal passierte das Lewis Hamilton in Fuji 2008, allerdings behielt der nach seinem Ausfall auch nach dem GP in Japan noch die Tabellenführung. Für Webber wird es mit 11 Punkten Rückstand in den nächsten zwei Rennen aber sehr eng. Er braucht einen Sieg in Brasilien, was ihm aber im letzten Jahr gelungen ist.

Dass Ferrari und Alonso plötzlich die WM-Führung haben, kommt auf den ersten Blick etwas überraschend. In der bisherigen Saison sahen die Italiener selten so aus, als seien sie ernsthafte Kandidaten für den Titel. Man kämpfte erst mit einem schlechten Auto und dann auch noch mit reihenweise eingehenden Motoren. Aber seit dem man die B-Variante des F10 einsetzt (Valencia), sieht die Sache anders aus. In Silverstone bekam Alonso eine Durchfahrtsstrafe, in Spa lief das Rennen an ihm vorbei und er warf den Ferrari in die Wiese. In allen anderen Rennen gewann er, bzw. kam aufs Podium (Ungarn, Japan). Obwohl Alonso die meisten Siege in der Saison hat, (5) ist Ferrari irgendwie unter dem Radar geblieben und taucht erst jetzt so richtig auf. Die WM-Chance von Alonso ist mit 11 Punkten Vorsprung natürlich groß, aber keineswegs sicher. Zwei Siege von Webber und Alonso ist wieder nur Zweiter. Dazu kommt, dass Ferrari schon seit Singapur das Motorenkontigent aufgebraucht hat und man mit den gebrauchten Aggregaten jonglieren muss. Wie viel Kilometer die einzelnen Motoren auf dem Buckel haben, weiß keiner, aber wie man bei Vettel gesehen hat, platzt ein gebrauchter Motor schnell mal. Allerdings hat auch Webber seinen letzten neuen Motor in Korea eingesetzt, und ob der den Aufprall überlebt hat, wird man auch erst noch sehen müssen.

Normalerweise würde ich sagen, dass sich die WM nun zwischen Webber und Alonso entscheiden wird, aber sie ist derartig verrückt dieses Jahr, dass man zumindest Vettel nicht abschreiben darf. Bei McLaren habe ich weiter das Gefühl, dass man den Anschluss an Red Bull und Ferrari verloren hat, aber vergessen darf man Hamilton natürlich nicht. Nur mal angenommen, er gewinnt das Rennen in Brasilien vor Vettel, während Webber nur wenig Punkte macht und Alonso ausfällt – und schon ist der Brite der WM-Führende. So richtig dran war Hamilton im Rennen aber nie an der Spitze, trotz der Bedingungen, die ihm so gut liegen. Sein Ausrutscher nach einem Restart könnte ihm den Sieg gekostet haben, allerdings waren seine Reifen am Ende derartig fertig, dass er für Alonso leichte Beute gewesen wäre. Jedenfalls gab es keine Beschwerden von McLaren am Ende des Rennens.

Das Rennen selbst war abwechslungsreich, lebte aber vor allem von der Spannung um den WM-Kampf. Nur weiter hinten ging es ordentlich zur Sache. Vor allem Adrian Sutil empfahl sich für den Preis für die meisten Kilometer neben der Strecke. Wohin man auch sah – irgendjemanden nahm Sutil immer aufs Korn. Ich glaube, es gab am Ende kaum einen, der nicht näheren Kontakt mit dem Deutschen hatte. Irgendwann fuhr er sich dann seine linke Vorderradaufhängung an Kobayashi ab und die Rennleitung fand die Chaos-Aktionen des Force India Piloten auch nur so mittellustig. Er darf in Brasilien fünf Plätze weiter hinten starten. Wie man es besser macht zeigte ausgerechnet sein Teamkollege Luizzi, der zwar auch oft neben der Strecke war, aber am Ende immerhin 6. wurde. Sebastian Buemi hat auch fünf Strafplätze aufgebrummt bekommen, weil bei er bei seiner kreativen Suche nach dem richtigen Bremspunkt Timo Glock abräumte. Da fand ich die Strafe etwas überzogen, es war halt ein Rennunfall, auch wenn es für Glock extrem ärgerlich war, lag er doch zu diesem Zeitpunkt auf Platz 12. Weil di Grassi mal wieder in der Wand endete und beide HRT auf den Plätzen 14 und 15 ankamen, liegt HRT in der WM tatsächlich auch noch vor Virgin.

Zum Thema Startverzögerung: Zunächst dachte ich auch, dass die Rennleitung übervorsichtig handeln würde. Aber die Bilder in den ersten Runden vor dem Abbruch zeigten dann doch, dass ein Rennen so nicht möglich war. Andy Stobart, PR-Mann von Bridgestone, twitterte die Info, dass ein Regenreifen in der F1 bei rund 300 km/h 61 Liter Wasser pro Sekunde in die Luft befördert. In Korea kamen verschiedene Faktoren dazu. Wegen des erwähnt besonderen Asphalts konnte der Regen nicht versickern, auf der Geraden konnte das Wasser wegen der Mauern nicht so schnell ablaufen und die Drainagen in Korea funktionieren auch noch nicht richtig. Deswegen sammelte sich mehr Wasser auf der Strecke, als der leichte Regen vermuten ließ und man konnte im Verlauf des Rennens auch sehen, dass es nie richtig trocken wurde, obwohl es nur noch tröpfelte und die F1 normalerweise jede Strecke in 10 Runden zumindest auf der Ideallinie trocken bekommt. Es war also richtig zu unterbrechen und abzuwarten. Den zweiten Restart hätte man aber auch gut und gerne vier und oder fünf Runden früher erledigen können. Das Argument, man sei hier ja nicht auf einem Kindergeburtstag, man hätte auch direkt starten können, gilt für den ersten Abbruch also nicht. Macht ja auch keinen Sinn, wenn man bei 300 auf der Geraden nicht mal seine eigenen Vorderreifen mehr sieht.

Was sonst noch war:

- Schumacher hatte endlich mal ein gutes und vor allem fehlerfreies Rennen. Massa war zu schnell für den Mercedes, aber ansonsten zeigte er tolle Überholmanöver.
- Beide Sauber kamen in die Punkte. Kobayashi auf 8, Heidfeld auf 9. Ein bisschen überraschend, dass der Japaner angekommen ist, zeigt aber seinen Lernprozess
- Ebenfalls beide Williams in den Punkten, wobei Hülkenberg am Ende die Reifen wechseln musste, weil er laute Aussage des Teams einen schleichenden Plattfuß hatte. Immerhin schnappte er sich in der letzten Runden auf frischen Pneus noch den zehnten Platz von Alguersuari.
- Petrov sägte mal wieder selber an seinem Stuhl. Sein heftiger Abflug ist sein zweiter DNF hintereinander. Sollte Hülkenberg frei werden, weil Williams Maldonado nehmen muss, sollte man bei Renault mal nachdenken.
- Jenson Button hatte ein Rennen zum Vergessen. Irgendwas schien an seinem Wagen aber auch nicht zu passen. Am Anfang fiel er schon zurück, nach seinem frühen Boxenstopp steckte er Ewigkeiten hinter einem Pulk im Mittelfeld fest, darunter war ein Lotus. Button ist ein guter Regenfahrer und schneller als ein Lotus ist er normalerweise auch.
- Trulli musste den Wagen mal wieder mit einem Hydraulikschaden abstellen. Teambesitzer Tony Fernandes moserte per Twitter: “these hydralulics have been a disaster”. Die kommt von Cosworth. Warum die aber immer nur bei Lotus versagt, ist dann eine andere Sache. Heikki Kovalainen hätte eigentlich auch weiter vorne landen müssen, kassierte aber eine Durchfahrtsstrafe, weil er in der Boxengasse zu schnell war.
- Schon während des Rennens kamen Diskussionen auf, das Alonso eine Sektorenbestzeit genau dann aufstellte, als Petrov den Renault zerlegte. Es gab aber keine Strafe. Lag vermutlich daran, dass der Russe 20 Meter vor der Ziellinie stand und man deswegen nicht klar sagen konnte, an welcher Stelle Alonso die Zeit geholt hat.

Die WM ist also noch offen, es kursiert aber schon das oben beschriebene “Bernies Lieblingsergebnis” für Brasilien. Das wäre dann:

1. Vettel 231 Punkte
2. Hamilton 228 Punkte
3. Egal
4. Webber 232 Punkte

9. Alonso 233 Punkte (gern auch schlechter)

Spannend bleibt es aber so oder so. Red Bull hat angekündigt, dass man weiterhin auf beide Fahrer setzten wird. Das kann ich gut verstehen, denn Webber scheint in Moment sehr angeschlagen zu sein. Allerdings hat sich Red Bull die Situation auch selbst zuzuschreiben. So schön es ist, dass die Österreicher aus (hoffentlich) sportlichen Gründen ihre beiden Fahrer gegeneinander antreten lassen, so sehr reibt sich die Konkurrenz auch die Hände. Hätte man Webber in Japan an Vettel vorbei gelotst, würde der Abstand zu Alonso überschaubare 4 Punkte betragen. Vielleicht wäre Webber der Fehler auch nicht passiert, wenn er im Team weniger Druck aushalten müsste. Red Bull hat in diesem Jahr 14 Pole Position erlangt, aber nur 7 Siege daraus gemacht. Bei Vettel sieht die Sache noch schlechter aus, denn da stehen 9 Pole nur 3 Siegen gegenüber. Es ist gut, wenn Red Bull die Sache sportlich sieht, aber das Beispiel McLaren aus dem Jahr 2007 zeigt eben auch, dass es schnell in die Hose gehen kann.
104528062KR223_F1_Grand_Pri 104528062KR223_F1_Grand_Pri F1_Korea_2010_1 2010 Korean Grand Prix F1 Grand Prix of South Korea - Practice Motorsports / Formula 1: World Championship 2010, GP of Korea F1_Korea_2010_21 F1_Korea_2010_26 104528062KR196_F1_Grand_Pri F1_Korea_2010_2 2010 Korean Grand Prix F1 Grand Prix of South Korea - Race F1_Korea_2010_16 Formula One World Championship 104528062KR111_F1_Grand_Pri F1_Korea_2010_3 F1_Korea_2010_8 F1_Korea_2010_17 Formula One World Championship 104528062KR088_F1_Grand_Pri F1_Korea_2010_4 F1_Korea_2010_9 Motorsports / Formula 1: World Championship 2010, GP of Korea F1_Korea_2010_19 F1_Korea_2010_24 104528062KR073_F1_Grand_Pri 2010 Korean Grand Prix F1_Korea_2010_10 Motorsports / Formula 1: World Championship 2010, GP of Korea F1_Korea_2010_20 F1_Korea_2010_25
Bilder: Red Bull/Getty Images, Ferrari, Lotus, Williams, Sauber, Renault, Mclaren, MercedesGP

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl