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06:17

NASCAR: Vorschau Talladega Oktober 2010

An diesem Wochenende steht Chase-Rennen Nummer 7 in Talladega auf dem Plan. Der Superspeedway wird vermutlich die Vorentscheidung für den Endspurt über die drei Rennen in Texas, Phoenix und Homestead liefern. ACHTUNG: Start schon um ca. 18:15 Uhr.

Die sehr beliebten „restrictor plate“-Rennen auf den Superspeedways von Daytona und Talladega zählen jährlich zu den absoluten Highlights des NASCAR-Kalenders. Der Talladega Superspeedway ist mit 2,66 Meilen Länge und einem extremen Banking von 33° ein wahres Monster in der Landschaft. Diese Daten machen enorme Geschwindigkeiten möglich, die mit den erwähnten „restrictor plates“ eingebremst werden müssen. Im verlinkten Artikel zur Strecke selbst ist neben einer kleinen Beschreibung des Ovals auch zu finden, warum NASCAR seinerzeit diese Begrenzung einführte. Diese Art von Rennfahren zeichnet sich durch eine Besonderheit aus, das sogenannte „bump drafting“. Der folgende Abschnitt, in welchem diese Fahrtechnik erklärt wird, entstammt der Talladega-Vorschau vom Frühjahr – schließlich muss ich die Welt ja nicht neu erfinden:

Möglich wird das Windschattenfahren in großen Pulks durch die „restrictor plates“, die Luftmengenbegrenzer, welche die Motorleistung halbieren und die Geschwindigkeit aus Sicherheitsgründen unter der 200mph-Marke halten sollen. 430 statt 750 PS sorgen außerdem dafür, dass kein Fahrzeug sich vom Rest des Feldes absetzen kann und dass „bump drafting“ möglich wird. Wegen der geringen Motorleistung ist es effektiver, kollektiv den Luftwiderstand zu bezwingen und dadurch wieder an Geschwindigkeit zu gewinnen. Der vorausfahrende Wagen einer Kolonne reißt ein Loch in die Luft und ermöglicht es somit seinem Verfolger, ohne Widerstand noch schneller zu werden. Er „bumpt“ dann das vor ihm liegende Fahrzeug von hinten an und erhöht dessen Geschwindigkeit durch exzessives Anschieben. Ein volles Feld mit 43 Startern ist dann gut und gerne fast 10mph schneller als ein Einzelkämpfer, weshalb sogar mehrere Teams unter grün gemeinsam an die Box kommen, um den „Draft“ – also den Anschluss an das Hauptfeld – nicht gänzlich zu verlieren.

Dieses extrem enge Racing jenseits der 300km/h ist nicht ganz ungefährlich: Ein kleiner Fehler eines einzelnen Piloten im Pulk kann eine Kettenreaktion auslösen, welche das halbe Feld aus dem Rennen nimmt. Diese Massenkarambolagen sind auch als „big ones“ bekannt und für gewöhnlich kommt es pro Superspeedway-Rennen zu mindestens einem größeren Ereignis. Als viertletztes Saisonrennen ist Talladega natürlich eng in die Meisterschaftsentscheidung eingeflochten, was bei den unsicheren Bedingungen des „restrictor plate“-Racings die Punktetabelle schon einmal mächtig durcheinanderwirbeln kann. Aus diesem Grund werden die Chase-Rennen in Talladega meist etwas verhaltener ausgetragen. So kann es vorkommen, dass im Mittelteil des Events ca. 100 Runden „single file“ – also in einer Kolonne wie auf der Perlenschur aufgereiht – gefahren wird, um einen „big one“ zumindest vorzeitig zu vermeiden.

Trotzdem sind die Superspeedway-Rennen immer spektakulär und sei es auch mal nur wegen der rundenlangen Rad-an-Rad-Duelle auf gerne mal drei parallelen Linien nebeneinander. Auch die Schlussphasen zeichnen sich fast ausnahmslos durch große Turbulenz aus, alleine das Frühjahrsrennen in Talladega nutze zum ersten Mal seit deren Einführung alle drei „green-white-checkered“-Verlängerungen aus. Dazu gilt seit diesem Jahr auch das „bump“-Verbot in den Turns nicht mehr, was 2010 wieder mehr Action in die Rennen gebracht hat. Zudem veränderte auch die Wiedereinführung des Heckspoilers die Fahrgewohnheiten, was bedeutet, dass wir uns am Wochenende höchstwahrscheinlich wieder auf die „two-car tangos“ freuen dürfen. Die Beschreibung dazu aus einer diesjährigen Analyse:

[Der „two-car tango“ beschreibt] das Phänomen, dass zwei Wagen die exakt Stoßstange an Stoßstange fahren, einfach mal bis zu 10mph schneller unterwegs sein können als der Pulk mit weit mehr als 20 Autos. [...] Machbar ist so ein „two-car train“ allerdings nur ca. eine Runde lang, weil der Hintermann so gut wie keine Luft auf den Kühler bekommt und die Motortemperatur doch schlagartig in gefährliche Bereiche abdriftet. [...] Da der Pulk allerdings nicht so präzise hintereinander fahren kann wie eben zwei Wagen gemeinsam, tritt der Vorteil deutlich hervor.

Im letzten Jahr ließ sich diese Technik vor allem in den Schlussrunden immer wieder beobachten, aber seit dem Wechsel zum Spoiler wird auch während der Überlebensphase exzessiv davon Gebrauch gemacht. Oft kämpfen dann zwei konkurrierende „trains“ in den letzten beiden Runden um den Vorteil, nur damit sich der siegreiche Verbund auf den letzten Metern auflöst und selbst bekriegt. Wie man unschwer erahnen kann, bin ich total für das Rennen am Sonntag gehypt. Hoffentlich hält Talladega, was Superspeedway-Racing verspricht und wir erleben einen spannenden Abend – möglichst nicht auf Kosten der Sicherheit! Es ist doch immer noch so gefährlich, dass man das Beste hoffen muss. Ich erinnere mich da nur an den Abflug von Carl Edwards in den Fangzaun im letzten Jahr und sowas braucht keiner.

Weil wieder die „restrictor plates“ auf den Vergaser geschraubt werden, ist eine genauere Vorhersage der Siegkandidaten noch schwieriger als ohnehin schon. So spektakulär und spannend es doch ist, meistens ist es pures Glück, am Ende alle „big ones“ überstanden zu haben und mit einem guten Drafting-Partner im Vorderfeld unterwegs zu sein. Schauen wir uns also an, wer diese besondere Art von Racing besser beherrscht, als der Rest. Dazu krame ich mal die – in letzter Zeit eher seltener eingebrachte – Liste der bisherigen noch aktiven Sieger hervor:

1. Jeff Gordon (6)
2. Dale Earnhardt Jr (5)
3. Mark Martin (2)
4. Tony Stewart, Brian Vickers, Michael Waltrip, Brad Keselowski, Kyle Busch, Bobby Labonte, Jimmie Johnson, Jamie McMurray und Kevin Harvick (je 1)

Die letzten beiden Superspeedway-Rennen des Jahres gewann bekanntlich Kevin Harvick, der mit einem Sieg am Wochenende weiteren Schwung in die Meisterschaft bringen könnte. Das Daytona 500 2010 und das Talladega-Rennen vom letzten Herbst beendete Jamie McMurray siegreich, der in diesem Jahr eine Wahnsinns-Saison hingelegt hat; auch mit ihm muss man also rechnen. Dazu kommen die echten Spezialisten, wie Dale Earnhardt Jr und Tony Stewart, mit denen man bei jedem „restrictor plate“-Event rechnen muss.

Fahrer mit auffallend guter Talladega-Statistik sind Mark Martin, Clint Bowyer, Jeff Burton, Kurt Busch, Ryan Newman, Joey Logano, David Ragan und Brad Keselowski. Für alle diese Piloten gilt: Wenn sie in den letzten Jahren nicht durch einen Unfall aus dem Rennen genommen wurden, kamen sie mit großer Häufigkeit auch in den Top10 an. Vor allem bei David Ragan fällt mir ins Auge, wie gut er auf den Superspeedways unterwegs ist. In den 19 Starts in Talladega und Daytona fuhr er ein Drittel seiner Top10s und die Hälfte der Top5s heraus, obwohl diese beiden Strecken nur 13% seiner insgesamt gefahrenen 142 Rennen ausmachen. Auf diesem Roush-Fahrer sollte man am Wochenende also ein Auge behalten, schließlich kam er in Talladega nie schlechter als auf Platz 17 ins Ziel, wenn ihn kein „big one“ erwischte.

Bei den anderen drei Roush-Piloten sieht es dagegen nicht so rosig aus, sieht man mal von einigen Lichtblicken, wie dem Daytona-500-Gewinn von Matt Kenseth oder Carl Edwards‘ Fast-Sieg vom vergangenen Frühjahrsrennen in Talladega, ab. Edwards konnte aus zwölf Dega-Rennen nur insgesamt drei Top10-Ergebnisse mitbringen, Kenseth aus 21 Rennen nur deren sechs. Greg Biffle kommt erst seit dem letzten Jahr in Talladega in Schwung, wo ihm zwei Top10s gelangen. Das sind im Übrigen auch seine einzigen beiden derartigen Resultate auf dieser Strecke.

Wirklich interessant wird es jetzt bei den Top5 der Meisterschaftstabelle:

- Jeff Gordon (-203) hat knapp über 200 Punkte Rückstand auf den Spitzenreiter Jimmie Johnson und müsste sich am Wochenende schon mit einem Sieg wieder zurück ins Geschehen bringen. Seine letzten beiden Erfolge stammen aus dem Jahr 2007, wo er beide Talladega-Rennen der Saison gewann. Danach reichte es für ihn nur noch zu zwei knappen Top20-Resultaten. Gewinnt Gordon am Sonntag nicht, ist der Titel für ihn gegessen.

- Kyle Busch (-172) beendete fünf seiner ersten sechs Talladega-Rennen überhaupt nicht, brachte danach aber nur Top15-Resultate (u.a. ein Sieg) nach Hause, wenn er in der Führungsrunde ins Ziel kam. Auch für ihn gilt: Ein Sieg am Wochenende ist Pflicht! Busch weiß wie es geht und wenn er nicht in einen „big one“ verwickelt wird, ist das auch möglich.

- Kevin Harvick (-62) gewann wie oben erwähnt die letzten beiden Superspeedway-Rennen im Kalender, ist in Talladega aber in den vergangenen Jahren recht unregelmäßig unterwegs gewesen. Selbst wenn er dem „big one“ fernblieb, war das keine automatische Top10-Garantie. Ihm könnte zwar auch ein Top5-Resultat reichen, um in der Meisterschaft dran zu bleiben, doch dieses Rennen stellt natürlich seinen letzten Trumpf dar.

- Denny Hamlin (-6) machte mit dem Sieg in Martinsville am vergangenen Wochenende eine Menge Punkte auf Jimmie Johnson gut. Hamlin fuhr in den letzten sechs Talladega-Rennen mit einer Ausnahme immer in die Top4, wenn er einen planmäßigen Nachmittag ohne Überraschungen erlebte. In den drei Rennen davor (seine ersten drei Dega-Auftritte) gelangen ihm jedoch keine Top20-Ergebnisse. Hamlin braucht am Sonntag einen guten Punktetag, wie man ihn von Jimmie Johnson kennt. Um auf Augenhöhe zu verbleiben, muss er also die Top5 anvisieren. Ein Sieg erscheint mir nicht so realistisch, dafür ist Hamlin einfach kein wirklicher „restrictor plate“-Fahrer. Die Superspeedways sind mit Abstand seine schwächsten Strecken, die Shorttracks seine besten.

- Jimmie Johnsons Führung vor Denny Hamlin ist denkbar knapp, so dass er sich in Talladega keinen Ausfall leisten kann. Für Johnson gilt: Wenn er nicht in einen „big one“ verwickelt wird, kommt er in den Top10 an. Seit 2006 schaffte er dies in fünf von sechs unfallfreien Rennen, drei Mal war sein Auftritt vorzeitig beendet. Von diesen fünf Top10s waren vier auch gleichzeitig Top6-Resultate. Johnson braucht „lediglich“ eines seiner guten Punktewochenenden, denn mit Phoenix und Texas folgen noch zwei seiner starken Strecken im Chase. Dass er dazu in der Lage ist, hat er in den letzten fünf Playoff-Rennen bewiesen, denn das waren allesamt Top5-Zielankünfte.

Alles in allem gilt also: Die drei Verfolger Jeff Gordon, Kyle Busch und mit Abstrichen Kevin Harvick brauchen am Wochenende einen Sieg, um weiter eine Chance auf den Titel zu behalten. Ihr Rückstand nach Talladega muss kleiner als 100 Punkte werden, um in den letzten drei Rennen noch etwas erreichen zu können. Für die beiden Fahrer an der Spitze, Jimmie Johnson und Denny Hamlin, genügt in Talladega ein guter Punktetag, um den Vorsprung nicht zu sehr einschmelzen zu lassen. Hier zählt nicht volles Risiko, sondern eher das Heraushalten aus allen Scharmützeln.

Zum Abschluss habe ich noch drei „dark horses“ für das Wochenende: Juan Pablo Montoya, Marcos Ambrose und Scott Speed. Allen drei NASCAR-Newcomern liegen die Superspeedways laut Statistik besser als die Intermediate-Ovale. Bei Speed sind die SSWs sogar die mit Abstand besten Strecken für ihn. Ambrose und Speed haben in ihren bisher drei Talladega-Rennen schon jeweils ein Top5-Ergebnis einfahren können. Montoya holte im Frühjahrsrennen einen dritten Platz und konnte sich 2008 sogar einmal auf Rang zwei schieben. Die anderen Ergebnisse waren leider weniger gut, aber wenn einer dieser drei Piloten einen guten Tag erwischt, dann sind auch Top-Platzierungen drin.

Nach der Talladega-Chase-Statistik und den derzeitigen Punkteständen in Playoff-Tabelle und Owner-Wertung kommen wie immer noch die Ausstrahlungsdaten fürs Wochenende. Vor allem der Freitagabend bietet ordentlich „restrictor plate“-Action in den Freien Trainings. Zur Unterstützung ist die Truck-Serie ebenfalls in Talladega unterwegs, die Nationwide Series macht hingegen eine Woche Pause. ACHTUNG, nicht vergessen: Aufgrund der Winterzeitumstellung sind wir ab Sonntag nur noch fünf Stunden vor den USA, deswegen beginnt das Rennen schon um ca. 18:15 Uhr. Dasselbe gilt für den Freitag und Samstag am nächsten Wochenende in Texas, während das Rennen wieder mit der normalen Differenz stattfindet.

Noch kurz zur aktuellen Situation von Richard Petty Motorsports: Mehrheitsbesitzer George Gillett hat seine Anteile an einigen Unternehmen veräußert, die ein Ski Resort in den USA betreiben. Dabei kamen 63 Millionen US-Dollar zusammen, weit weniger als Gillett erwartet hatte. Der Unternehmer schuldet der Wachovia Bank noch 70 Millionen US-Dollar, die er sich für die Übernahme von Evernham Motorsports vor einigen Jahren geliehen hatte. Dabei ist der Verkauf noch nicht einmal komplett abgewickelt, denn Ray Evernham bekommt nach wie vor Geld von Gillett. Die Zahlung der Raten soll laut dem ehemaligen Besitzer allerdings bisher regelmäßig erfolgt sein.

Gillett gehörte auch ein Teil des FC Liverpool, doch diese Beteiligung musste er auf Druck der Royal Bank of Scotland verkaufen, von der er sich ebenfalls Geld für das Investment in den Fußballverein geborgt hatte. Gerüchten zu Folge sind die Verbindlichkeiten seines NASCAR-Teams bereits so groß gewesen, dass ohne diese beiden Verkäufe schon vor dem Rennen in Talladega bei RPM die Lichter ausgegangen wären. Es ist noch nicht 100%ig sicher, ob das Team die Saison planmäßig beenden kann, momentan werden jedenfalls händeringend Investoren gesucht. Richard Petty selbst plant angeblich eine Übernahme des nach ihm benannten Teams. Paul Menard ist durch das garantierte und direkte Sponsorengeld seines Vaters jedoch von diesen Gefahren ausgenommen.

Ausstrahlungsdaten

Freitag, 29.10.
16:00 Uhr, Truck Series Final Practice, SPEED
20:00 Uhr, Sprint Cup Series Practice, SPEED
21:30 Uhr, Sprint Cup Series Final Practice, SPEED
22:40 Uhr, Truck Series Qualifying, SPEED

Samstag, 30.10.
18:00 Uhr, Sprint Cup Series Qualifying, SPEED
21:00 Uhr, Truck Series Rennen (Mountain Dew 250), SPEED

Sonntag, 31.10.
18:00 Uhr, Sprint Cup Series Rennen (Amp Energy Juice 500), ESPN

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