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06:00

Vorschau 24 Stunden von Le Mans 2018: GTE-Am – Kunst ohne Bühne

Die LM GTE Am ist in diesem Jahr zwar nur die drittgrößte Klasse, aber sie besticht wie gewohnt durch ein breites Anwärterfeld und diverse unvorhersehbare Variablen. Sowohl in den Reihen der namensgebenden Amateure als auch bei den unterstützenden Profis sowie Jungpiloten hat das Niveau nochmals angezogen – auch wenn im Vergleich zu 2017 drei Nennungen weniger eingingen (2018: 13). Zusätzlich zum klassischen Duell „Gaststarter vs. WEC-Dauerstarter“ gilt die Zulassung des Porsche 911 RSR für die Am als bestimmende Storyline.

Die Bedeutung der Klasse

Schon im vergangenen Jahr versuchte sich die GTE-Am-Vorschau an einer Hommage auf den Amateur-Geist. Während damals die Gründerzeit des mystischen Rennens im Vordergrund stand, widmet sich der diesjährige Vorausblick zu Beginn einem „Amateur von Welt“.

Dass Filme die Macht haben können, ganze Leben zu verändern, ist nichts Neues. Doch im Falle des US-Amerikaners Paul Newman war die Verwandlung besonders groß. Im Zuge seiner Vorbereitung auf den Film Winning (1969; deutscher Titel: Indianapolis) absolvierte der 1925 geborene Filmstar eine umfangreiche Schulung samt Fahrertraining, die zusammen einen Funken in ihm entfachten, der nie mehr erlöschen sollte. Sein Weg nach Le Mans begann Anfang der 1970er, als er sich in den Amateurklassen des Sports Car Club of America (SCCA) langsam nach oben arbeitete – sehr zum Missfallen seines Umfelds, das seine Karriere gefährdet sah. Für den zu dieser Zeit fast 50 Jahre alten Newman gab es jedoch nur noch eine Karriere und zwar die hinter dem Lenkrad eines Rennautos.

Der Aufstieg in die höchsten Ebenen des Sportwagenmotorsports war trotz seines Status sowie Vermögens nie einfach und genau das schätzte Newman daran. Abseits von Hollywood hatte er so einen Rückzugsort, der stets ehrlich und unprätentiös zu ihm zu sein schien. Eine Rennstrecke kennt weder Oscars noch Golden Globes. Nach einem steinigen Einstieg („He was terrible at first“) stellten sich schlussendlich die ersten Erfolge für den Mann aus Ohio ein, doch anstatt eine gewisse Genugtuung zu verspüren, musste es immer höher und weiter gehen. „There was no point in racing unless I really took it seriously, so that’s what I did.”, resümierte er diesbezüglich viele Jahre später.

Im Jahre 1979 verspürte Newman dank seiner Erfolge im Rahmen des SCCA sowie mittlerweile auch in der IMSA den Rückenwind für den nächsten großen Schritt: Die ewig jungen 24 Stunden von Le Mans. Als Rookie auf einer anhaltend lebensgefährlichen Strecke wagte er somit eines der größten Abenteuer der damaligen Rennsport-Zeit. Die Kirsche auf dem Husarenritt war zweifelsohne die Fahrzeugwahl:

Obwohl, wie im Video zu sehen, ein herausragender zweiter Platz bei schwierigsten Wetterbedingungen heraussprang, war Newmans Debüt gleichzeitig auch sein Abschied. Der in Le Mans besonders riesige Rummel um ihn und der augenöffnende Abgleich mit seinem Kollegen Rolf Stommelen waren für den pragmatischen Racer schlicht nicht mehr zu ertragen. Ja, auch Frust gehört zum Erlebnis „24 Stunden von Le Mans“.

Angesichts seines dann doch relativ hohen Alters wanderte Newmans Fokus daraufhin auf die organisatorische Seite des Motorsports. Zusätzlich zu vereinzelten Sportwagenausflügen wurde er unter anderem Co-Gründer von Newman/Haas Racing, das bis zum Beginn des aktuellen Jahrzehnts erfolgreich in der US-amerikanischen Open-Wheel-Szene antrat. Infolgedessen trat im Übrigen noch einmal Le Mans in sein Leben – in der Form von Sébastien Bourdais. Ratet mal, in welchem Jahr der stolze Sohn der Rennsportstadt auf die Welt kam!

Der Altruist Paul Newman verstarb am 26. September 2008 an den Folgen einer Lungenkrebs-Erkrankung und wird bis heute in den Bereichen des Schauspiels und des Motorsports intensiv gewürdigt.

Was zugegebenermaßen wie ein verspäteter Nachruf oder gar wie eine zu frühe Würdigung hinsichtlich der Zehn-Jahre-Marke wirkt, sollte im besten Fall eine besondere Botschaft bei Euch hinterlassen: Aus der puren Liebe zum Motorsport kann Großes erwachsen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Vorgeschichte. Amateure in Le Mans sind so bedeutsam, wie Newman überzeugter Amerikaner war.

Moderne Anforderungen an Amateure

Von den wilden 70ern springen wir nun ins Zeitalter von Balance of Performance und Fahrerkategorisierungen. Heutzutage gibt es zwei Klassen, in den Amateure hauptsächlich zu finden sind. Zum einen ist die LMP2 zu nennen, die Kollege Stefan in seiner Klassenvorschau umfangreich betrachtet, und zum anderen natürlich die GTE-Am. Beim Blick auf die Nennliste gilt es, auf Fahrer mit den Zusätzen B (Bronze) und S (Silber) zu achten. Hierbei ist „Bronze“ die unterste Stufe. Diese beiden Werkstoffe sind Bestandteile eines komplexen Fahrereinstufungssystems der FIA, welches schon seit mehreren Jahren sein Unwesen treibt. Die Kategorisierung der Piloten nach Ergebnissen und Performance (z.B. Rundenzeitenvergleich) soll vor allem einen Mindeststandard sichern und eine Hürde für motorsportliche Großereignisse, wie es die 24 Stunden von Le Mans zweifelsohne sind, darstellen. Dementsprechend muss sich der geneigte Enthusiast vorher auf der Rennsportleiter nach oben arbeiten – so wie es auch Newman vor 40 Jahren tat. Neben den Resultaten spielen aber auch andere Stellschrauben wie das Alter eine gewichtige Rolle. So kann es sein, dass ein Routinier plötzlich im Zuge eines Geburtstages aus den vermeintlichen Profi-Graden (Platin (v.a. Werksfahrer) oder Gold) fällt.

Als passender Vergleich könnte die Besteigung des Mount Everest herangezogen werden. Vor wenigen Wochen herrschte Stau auf dem Dach der Welt, da sich wieder etliche Expeditionen innerhalb des engen Zeitfensters auf den Weg gemacht hatten. In ihren Reihen befanden sich diverse vermögende Damen und Herren, die mehr oder weniger mit monetären Argumenten die Erfahrungslücke „schlossen“. Neben der extra großen Gefahr für Leib und Leben leidet auch der Mythos der 8.848 Meter (Stichwort Mount Everybody) zusehends unter diesen Umständen. Der Gipfel des Langstreckenmotorsports erspart sich dies durch den obligatorischen Nachweis anderer Expeditionen.

Wie in den anderen drei Klassen umfasst der Kader drei Einsatzpiloten. Grundlegend ist ein Bronze-Fahrer vorgeschrieben, damit man dem Am-Charakter entspricht. Beim Rest des Trios gibt es jedoch einige Freiheiten für die Teams. Aus der Perspektive der sportlichen Leistungsfähigkeit kann man im theoretisch besten Falle einen Silber- sowie einen Platin-Piloten als Ergänzung nominieren. „Silber“ gilt als Übergang zwischen Amateur- und Profistatus und trägt dementsprechend reichlich Konfliktpotential bezüglich der Beurteilung in sich. In den letzten Jahren suchten Scouts beispielsweise explizit nach jungen Talenten, die nur aufgrund des Alters silbern angefärbt waren und kurz vor der Aufwertung auf „Gold“ standen. Dass dieser Trick perfekt funktioniert, kann in regelmäßigen Abständen in den Siegerlisten der LMP2 gesehen werden. Als Beispiele für die gemeldeten Platin-Teilnehmer (best in business wenn man so will) der GTE-Am seien heuer der ehemalige F1-Star Giancarlo Fisichella und die beiden Porsche-Werksfahrer Jörg Bergmeister sowie Patrick Long genannt.

Zusätzlich zu dieser Vor-Auswahl verpflichtet der Ausrichter ACO alle Rookies, an einem Vorbereitungsprogramm teilzunehmen, welches Simulatorenfahrten und Mindestrundenkontingente auf dem legendären Circuit de la Sarthe umfasst – dies konnte selbst ein Fernando Alonso nicht umgehen. Unter dem Eindruck der schweren LMP1-Unfälle der jüngeren Vergangenheit stehend hob man so das Basisniveau an.

Im Abgleich mit den Herausforderungen der letzten Jahre haben die GTE-Amateure 2018 leicht veränderte Anforderungen vor sich. So gibt es zwar nur noch zwei LMP1-Hybridraketen im Feld, doch die Performance der „normalen“ P1 sowie der LMP2 hat insgesamt gesehen ein Sprung gemacht, wodurch das Überrundungsspiel mit den 30 Prototypen etwas intensiver sein könnte. Durch den Boom in der GTE-Pro verschärfte sich dort gleichermaßen der Wettbewerb, was die Lücke zur Am weiter aufreißen lassen kann. Hierin könnte ebenfalls ein Grund für höhere Vorsicht bzw. Zurückhaltung gegeben sein.

Einladungen und Pyramiden

Für (GTE-Am-)Teams gibt es diverse Möglichkeiten, sich für die 24 Stunden von Le Mans zu qualifizieren. Am effektivsten ist sicherlich der Status des Klassentitelverteidigers, den aktuell die Briten von JMW Motorsport innehaben. Aber auch die Teilnehmer der World Endurance Championship sind in allen Divisionen automatisch gesetzt. Im Falle der LM GTE Am sind dies sogar neun Nennungen in diesem Jahr. Der Rest wurde dank herausragender Leistungen (hauptsächlich Meisterschaften) in den kontinentalen Championaten formal eingeladen. Diese sind Teil einer Pyramidenstruktur, an deren Spitze Le Mans steht. In Europa sind der Michelin Le Mans Cup und passenderweise die European Le Mans Series beheimatet. Häufig stellt die ELMS viele Teilnehmer, die schlicht geographische Vorteile bei der Anreise bzw. Logistik haben. Hierbei drückte man bislang beim Argument der Erfolge auch gerne mal ein Auge zu. Die beiden anderen kontinentalen Serien in der Form der IMSA SportsCar Championship (Nordamerika; besondere Amateurtitel) und der Asian Le Mans Series werden in der GTE-Am ausschließlich und obligatorisch von Titelträgern vertreten, die auf diesem Weg belohnt werden.

Die asiatischen Meister sind aufgrund eines Streits mit dem Ausrichter in diesem Jahr nicht dabei. Sie kritisierten die unrealistisch kurzen Zeiträume des Auto-Einladungssystems, welche die Suche nach Fahrern und Sponsoren nahezu unmöglich machten.

Da die genannten Serien teils andere Klassenstrukturen (z.B. GT3 und LMP3) aufweisen, sind die Zulassungen nicht fahrzeuggebunden. Selbst Markenwechsel sind kein Problem und teils sogar notwendig. Als ein interessantes Beispiel hierfür kann die Truppe von Keating Motorsports genannt werden, die zuhause via Riley Motorsports einen Mercedes AMG GT3 nutzt, aber in Le Mans mit einem Ferrari 488 GTE antreten wird. So gesehen ist die GTE-Am eine Art kostengünstige Einstiegsklasse und Tor zu den 24 Stunden an der Sarthe.

LM-GTE-Am-Klasse 2018

Wie im vergangenen Jahr sollte man die diesjährige Teilnehmerzahl zunächst in einen historischen Kontext einbetten. Insgesamt gesehen besteht die Amateurdivision aus 13 Teilnehmern und sie kann dementsprechend 39 Fahrer aus verschiedensten Nationen vorweisen. Trotz des leichten Schrumpfens rangiert man damit nur knapp unter dem Durchschnitt (2011: 10; 2012: 13; 2013: 14; 2014: 18; 2015: 14; 2016: 13; 2017: 16). Zusätzlich zum Wegfall der asiatischen Auto-Einladungen gelten die Wachstumsprozesse in der LMP1 und der GTE-Pro als Hauptgründe hierfür. Dementsprechend leitet sich keine Aussage über die potentielle Gesundheit der Am-Szene daraus ab.

Selbige erlebt durch die Zulassung des nun ein Jahr alten Porsche 911 RSR sogar einen größeren Aufschwung, der zudem auf dem weiterhin beliebten Ferrari 488 GTE fußt. Nach dem LMP2-Aufstieg von Larbre Compétition (2017: Corvette C7.R) rundet der alte Aston Martin Vantage GTE somit heuer “nur“ ein Markentrio ab. Ob die kommenden Jahre neue Modelle sehen werden, ist schwer vorherzusagen.

So liebäugelt Ford zwar schon länger mit einer Art Kundenprogramm, doch echte Anzeichen lassen sich nicht finden. Hinsichtlich des anstehenden Modellwechsels bei Corvette ist es vorstellbar, dass nicht mehr benötigte Chassis an Amateurteams abgegeben werden. Jedoch sollte das Projekt von Larbre als strenge Warnung wahrgenommen werden. Bei den beiden „Neuwagen-Werken“ Aston Martin und BMW wird man wohl zunächst die Zeichen der Zeit abwarten. Man hat aber den Vorteil der Super Season auf seiner Seite, die erst mit der 2019er Ausgabe der 24 Stunden von Le Mans enden wird. Dadurch lassen sich Kundenprogramme bei Bedarf besser evaluieren und vorbereiten. Angesichts des aktuellen Am-Programms von Aston Martin ist eine Neuauflage sehr gut vorstellbar.

Doch das ist alles Zukunftsmusik. Für die 86. Ausgabe der 24 Stunden von Le Mans gestaltet sich der Am-Mix wie folgt:

  • Zwei Aston Martin Vantage GTE
  • Fünf Ferrari 488 GTE
  • Sechs Porsche 911 RSR

(alle mit Michelin-Bereifung; Fahrerlagerverteilung (PDF))

Aston Martin

Aston Martin Racing (Großbritannien)

Gründungsjahr des Teams: 2004
Erfolge: Etliche Klassensiege bei den 24 Stunden von Le Mans (u.a. GTE-Am 2014)
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: WEC; GT3 (z.B. 24 Stunden auf dem Nürburgring)
Nennung und Fahrer: #98 Aston Martin Racing Vantage GTE; Paul Dalla Lana (CAN/Bronze) – Pedro Lamy (PRT/Platin) – Mathias Lauda (AUT/Silber )| WEC
Trendbarometer:

Für die WEC-GTE-Am-Titelverteidiger ist Le Mans ein schwieriges Pflaster. Alle bisherigen Auftritte des Trios endeten mehr oder weniger in einer Katastrophe – allen voran das Jahr 2015, als Dalla Lana einen zum Greifen nahen Sieg in der Ford-Schikane wegschmiss. Obwohl man weiterhin eine der besten Besatzungen vorweisen kann, schwindet ihr Status als Hauptfavorit also mit jeder neuen Sarthe-Rundfahrt. Nachdem man in Spa noch dominant den Super-Season-Auftakt-Klassensieg feiern konnte, sorgte der Le-Mans-Testtag schon wieder für größere Ernüchterung. Technische Probleme und Schäden haben die verfügbare Zeit radikal verkürzt.

Bei einer stimmigen Balance of Performance gehören sie zweifelsohne wieder zu den Hauptanwärtern, doch die Bürde des Le-Mans-Fluchs wiegt schwer – wie Toyota sicherlich bestätigen kann.

TF Sport (Großbritannien)

Gründungsjahr des Teams: 2014
Erfolge: British-GT-Meistertitel 2016 (GT3); Meisterteam des Michelin GT3 Le Mans Cup im Jahre 2016; ELMS-Vizemeisterschaft 2017
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: WEC; GT3 (u.a. British GT und Blancpain GT Series Endurance Cup)
Nennung und Fahrer: #90 TF Sport Aston Martin Vantage GTE; Salih Yoluç (TUR/Bronze) – Euan Hankey (GBR/Gold) – Charles Eastwood (GBR/Silber)| WEC
Trendbarometer:
­↑

Das noch relativ junge Team aus dem Süden Englands hat ein Händchen für gelungene Debüts. Sei es nun die ELMS im vergangenen Jahr, als man auf Anhieb siegte und sogar den Vizetitel gewinnen konnte, oder die WEC, bei deren 2018er Auftakt man den Aston-Doppelsieg perfekt machte. Ihre Stärke liegt im Vereinen von Faktoren, die in ihrer Gesamtheit zu Erfolgen führen können. So klingt das Trio Yoluç-Hankey-Eastwood zwar auf Anhieb eher schwach, doch über eine längere Distanz hinweg bilden ihre Leistungen die Grundlage für Podien und Siege. Während der 32-jährige Türke Yoluç als ambitionierter Amateur agiert, fungiert der Londoner Hankey als solider Profi. Der junge Nordire Charles „Charlie“ Eastwood gilt als großes Talent, was er im britischen Porsche Carrera Cup bereits eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte.

Auch wenn der Überraschungseffekt nun endgültig verpufft sein sollte, wäre ein Klassensieg bei der zweiten Teilnahme eine herausragende Geschichte. Die handwerklichen Fähigkeiten sind vorhanden und mit Charlie Eastwood lechzt ein Jungpilot nach einem Karriere-definierenden Moment.

Ferrari

Clearwater Racing (Singapur)

Gründungsjahr des Teams: 2008
Erfolge:
Meistertitel in der GT Asia Series; drei Gesamtsiege bei den 12 Stunden von Sepang; GT-Meister in der Asian Le Mans Series-Saison 2015-2016; GTE-Am-Klassensieg bei den sechs Stunden von Silverstone 2017
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: WEC
Nennung und Fahrer:
#61 Clearwater Racing Ferrari 488 GTE; Weng Sun Mok (MYS/Bronze) – Keita Sawa (JPN/Silber) – Matthew Griffin (IRL/Gold)| WEC
Trendbarometer:
­↑

Zufälligerweise bildeten die ersten drei betrachteten Nennungen der Vorschau exakt die Top 3 der sechs Stunden von Spa-Francorchamps 2018 (alphabetische Anordnung). Passend zum vorangegangen TF Sport gehört Clearwater Racing damit weiterhin zu den größeren Überraschungen der jüngeren Vergangenheit. Die vom Ferrari-Werkspartner AF Corse betreute Truppe war 2017 das drittbeste GTE-Am-Team der WEC und beendete die 24 Stunden von Le Mans in den Top 5. Demnach sollte die südostasiatisch-finanzierte Truppe durchaus in Richtung Podium schielen können. Mit größerem Glück ist ein Klassensieg nicht unmöglich.

JMW Motorsport (Großbritannien)

Gründungsjahr des Teams: 2009
Erfolge: GTE-Am-Sieger der letztjährigen 24 Stunden von Le Mans; ELMS-GTE-Meister 2017
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: ELMS
Nennung und Fahrer: #84 JMW Motorsport Ferrari 488 GTE; Liam Griffin (GBR/Bronze) – Cooper MacNeil (USA/Silber) – Jeffrey Segal (USA/Gold)| Titelverteidiger
Trendbarometer:

Mit einem neuen Gesicht aber gleich großem Siegeshunger kehren die Titelverteidiger an den Ort ihres größten Erfolges zurück. In Folge eines Sponsorings der US-Amerikaner von WeatherTech hat sich neben dem Fahrerkader vor allem das Äußere massiv verändert. Im nun weißen Ferrari bilden Cooper MacNeil, Sohn des WeatherTech-Gründers, und Liam Griffin ein sehr erfahrenes Amateur-Duo, das mit Jeffrey Segal einen früheren GTE-Am-Klassensieger an seiner Seite hat.

Hier gilt es, erstmal das Zusammenspiel der Faktoren abzuwarten. Auch wenn das Trio des vergangenen Jahres weitaus stärker war (u.a. mit Dries Vanthoor), sollte ein gutes Ergebnis erreichbar sein.

Keating Motorsports (USA)

Gründungsjahr des Teams: 2017 (Name für Le-Mans-Auftritte; betreuendes Team Risi Competizione: 1997)
Erfolge: NAEC-GTD-Meisterschaft 2017 via Riley Motorsports (Risi Competizione: Mehrmaliger Meister im US-Sportwagenmotorsport und Klassensieger in Le Mans)
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: IMSA
Nennung und Fahrer: #85 Keating Motorsports Ferrari 488 GTE; Ben Keating (USA/Bronze) – Jeroen Bleekemolen (NLD/Platin) – Luca Stolz (DEU/Silber)| IMSA
Trendbarometer: ­↑

Der Texaner Ben Keating hat sich zum wiederholten Male dank hervorragender Leistungen im IMSA-Amateurbereich für eine Reise nach Le Mans qualifiziert. Sein ebenfalls mit WeatherTech-Sponsoring gesegneter Ferrari kam relativ solide durch den Testtag und zusammen mit Keatings Le-Mans-Erfahrung zeichnet sich eine Anwärterrolle ab. Unterstrichen wird dies durch den sehr starken Profi Jeroen Bleekemolen und das aufstrebende deutsche GT-Talent Luca Stolz.

Die Nummer 85 schafft es demnach, auf nahezu allen Ebenen zu überzeugen. Neben dem sehr gelungenen Fahrer-Mix hat man die obligatorische Erfahrung und ein betreuendes Team auf Werksniveau, was in der GTE-Am mittlerweile Pflicht wurde. Falls Ihr mal einen abweichenden Tipp für unser Tippspiel benötigt: Hier werdet Ihr fündig.

MR Racing (Japan)

Projektbeginn: Test im Rahmen der WEC Ende 2017 (Einsatzteam: AF Corse)
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: WEC
Nennung und Fahrer: #70 MR Racing Ferrari 488 GTE; Motoaki Ishikawa (JPN/Bronze) – Olivier Beretta (MCO/Platin) – Edward „Eddie“ Cheever III (ITA/Silber)| WEC
Trendbarometer:

Der japanische Amateur Motoaki Ishikawa hat sich mit der Hilfe von AF Corse ein äußert spannendes Projekt aufgebaut. Zusätzlich zum großen Namen Olivier Beretta, der schon seit Jahrzehnten erfolgreich im Profi-Motorsport fährt, sicherte man sich die Dienste des jungen Eddie Cheever III – der Sohn des ehemaligen Formelstars. Nach einem ehrenwerten Debüt in Spa (Rang 5) erhofft man sich, auch in Le Mans grundsolide auftreten zu können. Mit dem immer nötigen Glück ist ihnen das zuzutrauen.

Spirit of Race (Schweiz)

Gründungsjahr des Teams: 2014 (Ableger von AF Corse)
Erfolge:
Etliche Siege in Amateurrennen (z.B. 24 Stunden von Barcelona)
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: WEC
Nennung und Fahrer:
#54 Spirit of Race Ferrari 488 GTE; Thomas Flohr (CHE/Bronze) – Francesco Castellacci (ITA/Silber) – Giancarlo Fisichella (ITA/Platin)| WEC
Trendbarometer:

Obwohl man mit dem ehemaligen F1-Star und Ferrari-Werksfahrer Giancarlo Fisichella neuen Wind in das Projekt gebracht hatte, klebte in Spa noch das Pech des Vorjahres an ihren Händen. Trotzdem konnte das Trio schon mal sein Potenzial für die Super Season unter Beweis stellen, was Mut für Le Mans machen sollte. Wenn der Schweizer Amateur Thomas Flohr, seines Zeichens Flugunternehmer, gute 24 Stunden erwischen sollte, ist eine Attacke auf den Rand der Top 5 realistisch. Dafür muss jedoch wie bei den anderen springenden Pferden die BoP mitspielen.

Porsche

Proton Competition bzw. Dempsey-Proton Racing (Deutschland)

Gründungsjahr des Teams: 1996
Erfolge: Etliche GT-Klassensiege in der ELMS und der WEC
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: ELMS; WEC
Nennung und Fahrer: #77 Dempsey-Proton Racing Porsche 911 RSR; Christian Ried (DEU/Bronze) – Matt Campbell (AUS/Gold) – Julien Andlauer (FRA/Silber)| WEC
Trendbarometer:

Das Team von Christian Ried hat sich der Mammutaufgabe angenommen, drei neue Porsche 911 RSR an die Sarthe zu bringen. Bislang lief es in der WEC und in der ELMS etwas unrund, was jedoch noch als Anfangsprobleme abgestempelt werden kann. In Le Mans wird es demnach zum ersten Mal richtig ernst für die Truppe aus dem oberschwäbischen Ummendorf, die sich seit ihrer Gründung dem Mythos Porsche verschrieben hat.

Beim Testtag legte das Trio aus Teamchef Ried, dem australischen Porsche-Jungwerksfahrer Matt Campbell und dem überraschend starken Porsche Junior Julien Andlauer die Bestzeit hin. Zwar sagt diese insgesamt weniger aus, als viele vermeintliche Beobachter zu glauben wissen, doch eine gewisse Favoritenrolle kann nicht abgestritten werden. Vor allem die beiden Jungfahrer sind in der Lage, das Am-Debüt des kreischenden 911 RSR siegreich zu gestalten.

Nennung und Fahrer: #88 Dempsey-Proton Racing Porsche 911 RSR; Matteo Cairoli (ITA/Gold) – Giorgio Roda (ITA/Silber) – Khaled Al Qubaisi (ARE/Bronze)| WEC
Trendbarometer: →

Die zweite dauerhafte WEC-Nennung von Proton ist etwas schwächer besetzt. Ihre fahrerische Speerspitze bildet der Italiener Matteo Cairoli, der wie Campbell ein Porsche-Jungwerksfahrer ist. Sein ebenfalls junger Landsmann Giorgio Roda ist zwar nicht ganz auf seinem Level, aber er kann auf einen verheißungsvollen ersten Karriereabschnitt zurückblicken. Die Schwachstelle wird somit wahrscheinlich wieder bei Khaled Al Qubaisi zu finden sein, der zwar keinesfalls langsam ist, aber im Vergleich zu anderen Amateuren öfters mal den Kürzeren zieht. Wenn der neue Porsche bei der Musik sein sollte, ist ein solides Ergebnis drin.

Nennung und Fahrer: #99 Proton Competition Porsche 911 RSR; Patrick Long (USA/Platin) – Timothy Pappas (USA/Bronze) – Spencer Pumpelly (USA/Silber)| Sondernennung
Trendbarometer:

Wusstet Ihr eigentlich, dass Spencer Pumpelly schon mal jemanden getötet hat? Nein? Naja, egal!
Das All-American-Trio gehört trotz des Le-Mans-Debüts des Finanziers Tim Pappas zu den Geheimtipps der diesjährigen Ausgabe, was auf Pappas umfangreichen GT3-Ausflügen beruht. Der CEO einer Bostoner Baufirma tritt unter dem Teamnamen Black Swan Racing überall auf dem Planeten an und konnte bereits einige Erfolge in der Pro-Am sammeln. Mit Patrick Long und Spencer Pumpelly hat er Größen der US-amerikanischen Profiszene an seiner Seite, die mit allen möglichen Entwicklungen und Herausforderungen des Motorsports vertraut sind – auch in Le Mans.

Wenn Pappas die GT3-Erfahrung ummünzen kann, ist ein Klassensieg im Bereich des Möglichen.

Ebimotors (Italien)

Gründungsjahr des Teams: 1998
Erfolge:
Siege im Porsche Carrera Cup Italia sowie in der FIA GT; GT3-Meister des Michelin Le Mans Cup 2017
Aktuelle Einsätze bzw. Serien:
ELMS
Nennung und Fahrer:
#80 Ebimotors Porsche 911 RSR; Fabio Babini (ITA/Gold) – Christina Nielsen (DNK/Silber) – Erik Maris (FRA/Bronze)| ELMS
Trendbarometer: ↑

Ironischerweise tritt das einzige rein italienische Team der GTE-Am mit einem Zuffenhausener Kraftpaket an. Traditionalisten seien jedoch beruhigt: Der zwischen Mailand und Lugano beheimatete Rennstall sicherte sich die Einladung, indem er mit einem Lamborghini Huracán GT3 den Michelin Le Mans Cup 2017 dominierte. Die Wurzeln von Ebimotors liegen jedoch in der Porsche-Motorsport-Szene, in welche man heuer umfangreich zurückkehrte. So wagte man unter anderem den Aufstieg in die ELMS, in der man bislang zwei dritte Plätze feiern konnte,

Als eine Art „Rückkehr-Prämie“ lotste Porsche die IMSA-GTD-Doppelmeisterin Christina Nielsen zu den Norditalienern, die sich das Cockpit mit dem GT-Urgestein Fabio Babini und dem bemühten Amateur Erik Maris teilen wird. Letzteren könnte man noch von seinen LMP2-Abenteuern kennen, bei denen er zumindest nicht als französischer Tracy Krohn in die Geschichtsbücher einging. Für ein Klassenpodium muss er jedoch schon fast über sich hinauswachsen.

Ebimotors’ Le-Mans-GTE-Debüt startete leider problematisch – sowohl der Motor als auch das Getriebe mussten während des Testtages gewechselt werden. Dies kostete ordentlich Zeit.

Gulf Racing (Großbritannien)

Gründungsjahr des Teams: 2011 (ab 2016: Porsche)
Aktuelle Einsätze bzw. Serien: WEC
Nennung und Fahrer: #86 Gulf Racing Porsche 911 RSR; Michael Wainwright (GBR/Bronze) – Benjamin Barker (GBR/Gold) – Alexander Davison (AUS/Silber)| WEC
Trendbarometer:

Die britische Mannschaft gehört zu den kleinsten im gesamten Feld und wird hauptsächlich von wohlhabenden Fans des Mythos Gulf finanziert. Einer davon ist Teambesitzer Michael Wainwright, der als Amateur gemeldet wurde. Seine Unterstützer namens Ben Barker und Alex Davison sind zwar schnell, aber als Gesamtpaket kann man mit den Proton-Jungs nicht mithalten. Dementsprechend hofft man auf ein unfallfreies Rennen, das mit einer Zieldurchfahrt gekrönt wird.

Team Project 1 (Deutschland)

Gründungsjahr des Teams: 1993
Erfolge:
Etliche Siege und Titel im Porsche Carrera Cup Deutschland
Aktuelle Einsätze bzw. Serien:
WEC; PCC Deutschland; Porsche Supercup
Nennung und Fahrer:
#56 Team Project 1 Porsche 911 RSR; Jörg Bergmeister (DEU/Platin) – Patrick Lindsey (USA/Silber) – Egidio Perfetti (NOR/Bronze)| WEC
Trendbarometer:
­↑

Die Deutschen des Team Project 1 runden unsere Vorschau mit einer beachtlichen Aufstiegsgeschichte ab. Nach unzähligen Jahren in Porsche Cups entschied man sich, auf die weltweite Langstreckenbühne zu treten und Synergien mit den Amerikanern von Park Place Motorsports zu nutzen. So agiert deren Teamchef Patrick Lindsey beispielsweise als vermögender Silber-Fahrer. Außerdem brachte er seinen IMSA-Kollegen und Porsche-Werksfahrer Jörg Bergmeister gleich mit in das Projekt ein. Die Amateurrolle übernimmt der Norweger Egidio Perfetti, welcher sein Geld als Verantwortlicher bei Mentos verdient.

Ihr Debüt in Spa und der Testtag waren zwar kein Zuckerschlecken, doch die Anfangsschwierigkeiten sollten nun verstärkt aussortiert worden sein, weshalb ein gutes Ergebnis vorstellbar ist. Man sollte trotzdem nicht vergessen, dass 24 Stunden für Neulinge besonders schwer sein können.

Fazit

Die Zulassung der aktuellen Porsche-Generation und das Super-Season-Format haben ein attraktives und enges GTE-Am-Klassenfeld ermöglicht, das wieder einige Überraschungen bereithält. Leider ist zu erwarten, dass die Übertragenden kein großes Interesse an der Division zeigen werden, weshalb der vernunftbegabte Fan ein Live-Timing zur Hand haben sollte.

In den kommenden Tagen folgen die weiteren Klassenvorschauen im Blog, die Euch die Besonderheiten der anderen Divisionen näherbringen werden. Ich, Phil, wünsche Euch eine denkwürdige Le-Mans-Woche, während der ich mich häufig direkt aus dem Epizentrum des Langstreckensports melden werde. Dann, wenn es wieder heißt: Liberté, Égalité, Fraternité et GTE!

Bilderquelle / Copyright: WEC; Porsche

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Schweinderl