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17:15

Kommentar: Gebt dem Ring seine Würde zurück!

Das Element des Verrückten gehört seit jeher zum Nürburgring. Sei es nun die Strecke selbst, die seit 1927 Fahrer und Autos an ihre Grenze bringt, oder auch ihre Fangemeinde, welche die fachkundigsten Motorsportenthusiasten der Welt umfasst. Doch leider gibt es eine ganz besondere Zeit im Jahr, wenn Opportunisten und Selbstdarsteller die über 25 Kilometer nutzen, um sich über alle Vernunft hinweg zu setzen. Sie sind keinesfalls positiv verrückt sondern schlicht schamlos-dreist – ein Hilferuf!

Kein rechtsfreier Raum

Seit dem emotionalen und nervenaufreibenden Schlussspurt der 46. Ausgabe der 24 Stunden sind nun schon ein paar Tage vergangen. Während das Sportliche, bis auf einige Schnitzer, weitgehend gepasst hat, trudeln aktuell wieder etliche Hiobsbotschaften aus dem Umfeld des Rennens ein. So sorgen die traditionellen Müllvideos wie üblich für aufschäumende Gemüter und sogar Berichte über Körperverletzungen finden sich in den ringspezifischen Social-Media-Gruppen. Da selbige trotz aller Sympathie bezüglich der Opfer schwer von außen zu prüfen sind, sei aus dem Bericht der Polizeidirektion Mayen hierfür zitiert:

Über die Tage verteilt kam es zu einigen Sachbeschädigungen, Diebstählen und Körperverletzungen. Daneben ereigneten sich noch insgesamt 36 Verkehrsunfälle, wobei es sich überwiegend um Verkehrsunfälle mit Sachschäden handelte.

Dass dies mit jeder Großveranstaltung einhergeht, sollte zwar nichts Neues sein, doch der häufig angeführte Grund, starke Alkoholisierung, steht in einer direkten Verbindung mit einem Hauptproblem des 24-Stunden-Rennens: der propagierte “Event”-Charakter.

Auf diesem basierte auch heuer wieder ein Großteil der Berichterstattung. Eine Fremdschamschalte an die Nordschleife jagte die nächste und alle Kommentatoren wurden nicht müde, die „besten und geilsten Fans da draußen“ zu grüßen. Die gibt es dort gewiss auch – so sicher wie das „Push, Push!“ im Funk. Doch sie sind nicht für das geeignet, was die Übertragenden haben wollten: Ein Mallorca-artiger Menschenzoo, welcher von Rennautos in Szene gesetzt wird. Den Herren und Damen sei zwar ihr rustikales Party-Vergnügen teils gegönnt, aber als genuiner Motorsportfan fühle ich mich zutiefst blamiert. Wie kann man eine tiefe Liebe und Verehrung für die Nordschleife in die Mikrofone brüllen, wenn man gleichzeitig marodierend über ihre Ränder herzieht und Müllberge hinterlässt, die nur noch schockieren? Dass die Beiträge mehrmals mit der Phrase des „Gefühls der Freiheit“ abgeschlossen wurden, zeigt, wie gefährlich die Entwicklungen mittlerweile sind. Bekannte Philosophen drehen sich mit GT3-Topspeed in ihren Gräbern!

Sport als neuer, alter Mittelpunkt

Die Lösung für das zunehmende Imageproblem wäre auf dem Papier eigentlich simpel. Man erspare sich das Bloßstellen der bierseligen Wochen-Waldbewohner, auch zu ihrem Schutz, und suche sich die wahren Fans. Die, die mit Herzblut an der Nordschleife stehen und wissen, was zu ihren Füßen passiert. Die, die gerne auch mal ein VLN-Rennen vor Ort mitnehmen und sich an andere, längst vergangene Zeiten erinnern. Auch wenn das Gedächtnis diesbezüglich öfters mal zu rosig ist.

Wohl noch wichtiger wäre eine viel größere Fokussierung auf den eigentlichen Sport. Den mit Abstand besten sportjournalistischen Job machten am vergangenen Wochenende mit Radio Le Mans nämlich Menschen, die nicht einmal Deutsch als Muttersprache haben. Ein Armutszeugnis für Vodafone und Nitro – eine „Eins mit Sternchen“ für die Damen und Herren rund um John Hindhaugh! Während sein Team an Strategien rumrechnete und Ideen durchsprach, boten Vodafone-Reporter Fahrerinnen Massagen an oder fuhren kichernd auf dem Riesenrad. Merkt ihr selbst, oder?

Eine weitere frustrierende Erkenntnis vieler Fans war, dass die Bilder von der Nordschleife immer mehr auf Onboards runtergekürzt wurden, die zwar von der Qualität teils begeisternd waren, was einem aber auch nicht half, wenn sie an gewissen Stellen abbrachen. Auch die bis zum Erbrechen beworbenen Drohnen scheinen nicht in dem Ausmaß genutzt zu werden, wie man angesichts früherer Meldungen hoffen konnte. Abgerundet wurde dieses spärliche Paket von einem, und hier muss man deutlich sein, inakzeptablen Livetiming. Die einen mögen vielleicht von einem Luxusproblem von Nerds sprechen, doch dass ein funktionierendes und intuitives Livetiming heutzutage Pflicht ist, zeigt selbst die Amateurserie von nebenan. Bei den hohen Umsätzen der Beteiligten darf hier die Länge der Nordschleife nicht weiterhin als Ausrede gelten.

Hoffnungsschimmer und Ängste

Bei aller Kritik gibt es jedoch auch Punkte, die einem Hoffnung für die Zukunft geben können. So zeigte man viele durchaus gelungene Einspieler aus den Sphären des Breitensports. Warum nicht mehr davon? Warum kein ausgiebiger Blick in ihre Klassen? Warum keine Onboards? Zudem bedarf es auch weiterhin eines Lobs für die Anstrengungen hinter der Übertragung. Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand die Bürde einer solchen Mammut-Übertragung auf sich nimmt – auch wenn es zweifelsohne opulente Geldgeber im Umfeld des „Events“ gibt.

Trotzdem müssen die Beteiligten endlich realisieren, dass die Zeit für „Dienst nach Vorschrift“ abgelaufen ist. Das anhaltende Rumreiten auf den immer gleichen Aspekten (es gab sogar ein Bullshit-Bingo) ist nur noch ermüdend und lässt die Schere zum eigentlichen Geschehen auf der Strecke immer mehr aufbrechen. Auf diesem Weg distanziert man sich von den treuen Motorsportfans und macht sich von einem krank gewachsenen Event-Hype abhängig. Im schlimmsten Fall wird man sich damit schlussendlich genau das Volk ins Haus holen, welches die Faszination Nordschleife von innen heraus zerfrisst und die süße Melancholie nach dem Rennen in bitter-sauren Zorn kippen lässt.

Schluss damit! Die Ringwälder sind weder eine gigantische Müllkippe, noch ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene mit Hang zum Kontrollverlust. Wir Motorsportfans distanzieren uns klar von derartigen Gruppierungen! Wir wollen auch niemanden, der uns erzählt, wie „geil“ doch alles ist und warum eine erwachsene Frau mit Rennlizenz „süß und schnell“ ist. Wer den Respekt für das sportliche Miteinander und die Geschichte des Rings nicht aufbringen kann, sollte sich dringend andere Urlaubsdestinationen bzw. eine neue Arbeitsstelle im Bereich der Medien suchen. Save the Ring!

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl