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09:00

24H Le Mans: Eine kurze Geschichte über die Überraschungssieger

In diesem Jahr wird bei den 24H von Le Mans zum ersten Mal seit 2009 kein Audi oder Porsche gewinnen. Die Chance für einen Überraschungssieg ist so groß wie nie.

Auch wenn die Geschichte des 24h Rennen von Le Mans lang ist, Überraschungssieger hat es doch sehr selten gegeben. Selbst in den Vorkriegsjahren ist die Liste überraschend leer. In den ersten Jahren von 1923 bis 1926 gab es zwar Werkseinsätze kleinerer französischer Marken und auch schon von Bentley, aber es gewannen doch damalige Favoriten. Von 1927 bis 1935 wurde Le Mans von den beiden Marken Bentley und Alfa Romeo beherrscht, die jeweils ihre Favoritenstellung mit einem Sieg untermauerten. Deutsche Hersteller waren werksseitig nicht an Le Mans interessiert.

Das änderte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg, als der Motorsport schnell zu einer der populärsten Sportarten avancierte. Die beginnende Massenmobilität sorgte zudem für reges Interesse der Hersteller, die von Anfang an viel Geld in ihre Rennteams steckten. Daher ist die Liste der echten Überraschungssieger in Le Mans erstaunlich klein, selbst in den 50er Jahren. Das zeigt auch, dass man in Le Mans als Außenseiter nur sehr selten eine Chance hat, weil es doch immer wieder Hersteller gibt, die viel Geld und Ressourcen haben.

Bild: YouTube Screenshot 19Boyzz92 https://youtu.be/_nb1SrAp_UE

Eine Ausnahme bilden die Jahre 1994 bis 1997. Nach dem Tod der Werks-Prototypen gewann Porsche das Rennen aber dennoch erwartungsgemäß. Zwar waren eigentlich nur Straßenfahrzeuge zugelassen, Porsche fand aber eine Lücke im Reglement und brachte 1994 einen straßenzugelassen 962 von Jochen Dauer an den Start. Im Folgejahr gewann ein McLaren F1, der sowieso die GT-Meisterschaften dominierte. Danach folgten zwei Siege von Joest mit einem TWR-Porsche WSC-95. Auch hier handelte sich ebenfalls um eine Regellücke. Unter der Verkleidung des Porsche steckte das Chassis eines Jaguar XJR-14 (daher auch das TWR im Namen), der Le Mans nie gesehen hatte, aber der Konkurrenz überlegen war. Daher waren die Joest Porsche in den Jahren 96 und 97 die Favoriten in Le Mans.

1959 – Aston Martin gegen Ferrari

Ein paar Überraschungssieger gab es dann doch. Den ersten (und bisher einzigen Gesamtsieg der Marke in Le Mans) sicherte sich Aston Martin 1959. Die Briten hatten in Le Mans jedes Rennen seit 1931 bestritten, aber nie gewinnen können. Es war jetzt nicht so, dass man sie nicht zu den Favoriten gezählt hätte. Aber ihr permanentes Pech traf 1959 dann auch noch auf den Ferrari 250 TR/59, der zwar keine Neuentwicklung war, aber für das Jahr komplett umgebaut und mit neuen Motoren versehen wurde. Aston setzte auf den ebenfalls modernisierten Aston Martin DB1/300, dessen Grundchassis allerdings ein Jahr älter war, als der Ferrari. Die Italiener waren also klare Favoriten, allerdings war vorher bekannt, dass die neuen Motoren Schwachstellen hatte. Aston setze daraufhin auf Tempo und Stirling Moss setzte sich zunächst an die Spitze. Doch auch dessen Motor gab nach wenigen Stunden auf.

Das favorisierte Duo von Ferrari, Phil Hill und Olivier Gendebien, hatte vom Start weg Probleme, konnte die Spitze aber in der elften Stunde des Rennens erobern. Danach führte man mit teilweise zwei Runden Vorsprung bis in Stunde 20, als der Motor einging. Da alle anderen Ferrari bis zu diesem Zeitpunkt auch schon das zeitliche gesegnet hatten, lagen dann plötzlich die beiden Aston mit Roy Salvadori/Carroll Shelby und Maurice Trintignant/Paul Frère vorne, getrennt nur durch nicht mal eine Runde. Aber auf P3 lag nur ein privat eingesetzter Ferrari 250 LM, der auch schon 20 Runden Rückstand hatte. Damit war der Sieg in einer der größeren Materialschlachten in Le Mans für Aston sicher. Er sollte sich nie mehr wiederholen. Erst im letzten Jahr gelang es Aston zumindest mal wieder eine Klasse zu gewinnen (GTE-Am)

1965 – Ferrari vs. Ferrari

Die frühen 60er Jahren waren geprägt von einer erdrückenden Dominanz der Ferrari. Nach der schmachvollen Niederlage von 1959 krempelte Enzo Ferrari sein Team und trat aber weiter mit dem Vorjahresmodell an. Bis 1964 gewann Ferrari, mit verschiedenen Modellen, die alle auf dem 250er basierten, jedes Rennen in Le Mans. 1965 trat zum ersten Mal Ford mit dem GT40 an. (siehe dazu die Story von Stefan) Gleich sechs GT40 waren am Start, die aber allesamt bis zur siebten Stunde des Rennens ausfielen. Damit war der Weg frei für einen Sieg der Werks-Ferrari, die mit dem wunderschönen und neu entwickelten 330 P2 an den Start gingen. Neben den beiden Werksautos gab es noch neun (!) weitere Ferrari, allesamt Ferrari 275 verschiedener Jahrgänge. So dominierte die Marke das Rennen von der ersten Stunde an. Aber die neuen 330 P2 fielen aus und so übernahm der offizielle US-Ableger von Ferrari am Ende Sieg. Für Masten Gregory und Jochen Rindt war es der jeweils erste und letzte Sieg in Le Mans. Der Sieg war insofern eine Überraschung, weil Rindt und Gregory lange im Mittelfeld unterwegs waren. Erst in der Nacht schoben sie sich in die Top 3, den Sieg holte man dann gegen das private belgische Team von Pierre Dumay und Gustave Gosselin, die mit dem älteren 250 LM keine Chancen hatten.

1975 – Gulf vs. Ligier

1975 sah den einzigen Sieg der Marke Mirage in Le Mans. Die waren mit üppiger Unterstützung der Marke Gulf unterwegs. Da man wegen der Ölkrise den Benzinverbrauch radikal beschränkt hatte (die Autos mussten mindestens 20 Runden ohne Nachtanken schaffen) waren die großen Prototypen mit ihrem durstigen V8 und V12 aus dem Rennen. Geplant war eigentlich, dass ausschließlich Strassenfahrzeuge an den Start gehen, aber man hatte den Start von Prototypen nicht ausdrücklich verboten. Man ging einfach davon aus, dass kein Prototyp mit passenden Motor zu haben war. Allerdings hatte John Wyer eine listige Idee. Er nahm ein Mirage GR8 Chassis und einen Cosworth DFV Motor, bei dem man die Drehzahl reduzierte. Die Idee hatte allerdings Guy Ligier auch, der den Formel Eins Motor in eines seiner Straßenmodelle, den J2, pflanzte.

Damit waren die Favoriten klar. Das Rennen blieb aber sehr eng. Zwar führten die späteren Sieger, Derek Bell und Jacky Ickx, das Rennen schon früh an und wurden durch die Teamkollegen Vern Schuppan Jean-Pierre Jaussaud abgeschirmt, doch letztere ereilte ein technisches Problem und fielen auf P3 zurück. Der noch im Rennen befindliche Ligier mit Jean-Louis Lafosse und Guy Chasseuil versuchte in den letzten Stunden alles und kam sogar in wieder in Führungsrunde. Doch in der letzten Stunde musste man noch mal zum Sprit holen an die Box, während der Mirage durchfahren konnte.

Das waren bisher alles so halbe Überraschungssieger, aber zwei echte Überraschungen gab es in den Folgejahren.

1980 – Rondeau vs. Porsche

Die wohl größte Sensation gelang Jean Rondeau. Der französische Eigenbrötler hatte schon Mitte der 70er damit begonnen eigene Rennwagen herzustellen. Erst war es ein Inaltra GTP (der Name kam von einem italienischen Sponsor), den er in seinem Hinterhof herstellte. Als Motor diente ein Cosworth DFV. Nachdem sich Inaltra im Streit zurück gezogen hatte und die Autos verkaufte, startete Rondeau erneut. Auf den gleichen Plänen baute er den Rondeau M378 der dann 1979 und 1980 als M379 mit einer veränderten Aerodynamik an den Start ging.

Die Jahre 1979 und 1980 waren schwierige Jahre für das Rennen in Le Mans. Nachdem Renault sich nach kurzem Gastspiel und Gesamtsieg wieder zurück gezogen hatte, waren 1979 nur halbprivate Teams am Start. 1979 gewann ein Kremer Porsche 935 K3 das Rennen, aber Rondeau landete mit seinem eigenen Auto zum einen auf P5 und zum anderen gelang ihm ein Klassensieg.

1980 machten sich die Werke so langsam wieder etwas breiter in Le Mans. Porsche hatte jede Menge Kundenautos des 935 am Start. Der eigentliche Werkseinsatz war aber ein Porsche 936, den man als Porsche 908 getarnt hatte. Eigentlich standen die 936, die 1977 das Rennen gewonnen hatten, nicht zum Verkauf. Und Porsche wollte die vielen Kundenteams die einen 935 erworben hatten (16 Stück waren am Start) nicht düpieren. Aber das Rennen gewinnen wollte man auch. Also gab man dem 936 einfach die Chassisnummer eines 908. Es war allerdings eine dünne Tarnung, jeder konnte sehen, was los war.

Der 936, eingesetzt von Joest und mit Jackie Ickx und Reinhold Joest selber am Steuer, war der klare Favorit. Die Rondeau hatten in der Quali mit sehr guten Zeiten überrascht und ein Fahrzeug stand nach der Quali in der ersten Reihe. Zunächst übernahm der Porsche 935 K3 von Gelo Racing mit Bob Wollek und Helmut Kellners die Führung, doch nach drei Stunden zeigte dann der 908 von Joest sein Potenzial und übernahm die Spitze. Die Rondeau starten vorsichtig und kamen erst nach ein paar Stunden an die Spitze. Nachdem der auf dem Papier besser besetze Rondeau mit Henry Pescarolo und Jean Ragnotti in der Nacht ausgefallen war, lag es an Jean Rondeau und seinem Co-Piloten Jean-Pierre Jaussaud. Vor allem letzter trieb den Rondeau an und setzte die überraschte Joest-Mannschaft unter Druck.

Gegen Morgen hatte sich der Porsche aber dennoch durch gesetzt und Joest ließ das Tempo reduzieren. Doch wie es so ist, wenn man aufpassen will, passiert in Le Mans immer was. Nach 18 Stunden streikte das Getriebe und musste repariert werden. Der Rondeau übernahm die Spitze und lag mit drei Runden vor dem Porsche. Jacky Ickx holte die drei Runden wieder rein und es bahnte sich ein dramatisches Finale an. In der halben Stunde begann es zu regnen. Ickx entschied sich an die Box zu gehen, der alte Fuchs Jaussaud blieb draussen. Und sollte mit seiner Entscheidung richtig liegen. Zwar sorgte er mit zwei Drehern im Regen noch für kurzzeitige Panik bei Jean Rondeau und allen französischen Zuschauern, aber am Ende gewann man das Rennen zwei Runden Vorsprung.

Es war das erste und einzige Mal, dass ein Fahrer mit seiner eignen Konstruktion das Rennen Le Mans gewinnen konnte. Leider lief es im Jahr darauf sehr schlecht. Zum einen verunglückte Jean-Lord Lafosse mit einem Rondeau tödlich, zum anderen hatte Porsche die Niederlage aus dem Vorjahr nicht vergessen und war mit einem überarbeiteten 936 in dem ein neuer, sehr starker 2,6 Liter Motor steckte, angetreten. Dagegen konnte der betagte Cosworth DFV nicht mithalten und Porsche gewann das Rennen leicht mit 14 Runden Vorsprung.

Leider gelang es Rondeau nicht weitere Erfolge zu feiern. 1983 schloss er seinen Rennstall. 1985 kam er bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben.

1991 – Mazda vs. Mercedes

Das Jahr 1991 sah neue Regeln in der Gruppe C vor. Man reduzierte den maximal erlaubten Hubraum auf 3.5 Liter und hoffe so, mehr Hersteller nach Le Mans und in die Sportwagen-Weltmeisterschaft zu bekommen. Aber das erwies sich als Trugschluss. In Le Mans stand man vor dem Problem zu wenige Autos am Start zu haben. Also ließ man kurzerhand doch wieder die alten Gruppe C Autos des Vorjahres zu, so dass Sauber den C11 und Jaguar den XJR-12 an den Start brachte. Alles sah also nach einem weiteren Zweikampf zwischen den Sauber und den Jaguar aus. Die hatten allerdings ein Verbrauchsproblem und konnten den Speed nicht gehen, den man gerne gehabt hätte, da man sonst zu früh an die Box musste.

Und dann war da noch Mazda. Die Japaner hatten seit 1988 am Rennen in Le Mans teilgenommen, immer mit einem Wankelmotor. Der 767 und 767B landete Achtungserfolge, aber mehr auch nicht. Für 1991 hatte man das Vorjahreschassis, den 787, verbessert und das „B“ hinten bei der Bezeichnung dran geklebt. In Le Mans tauchte man dann mit zwei Autos auf.

Es ist nicht so, dass die Konkurrenz nicht gewarnt gewesen wäre. Der Mazda war vor allem überraschend standfest und der 787B hatte vorher schon gute Ergebnisse erzielt. Aber in Le Mans scheint das Auto dann doch etwas zu langsame gegen die Jaguar und vor allem gegen die drei Mercedes, die im Gegensatz zu den Jaguar keine Verbrauchsprobleme hatten.

Und so entwickelte sich dann auch das Rennen. Die Mercedes lagen alle drei vorne und schufen schnell eine größere Distanz zwischen sich und den Verfolgern. Der Mazda musste sich erst durchs Mittelfeld kämpfen und blieb dann aber an der Wand, bestehend aus den drei Jaguar, hängen. Doch über die Dauer der Distanz konnte sich der Mazda hinter die Mercedes setzen, ohne die allerdings wirklich gefährden zu können.

Aber Le Mans ist halt Le Mans. Die Mercedes, eigentlich für ihre enorme Standfestigkeit bekannt, bekamen nach und nach alle Probleme. Als letztes erwischte es den Mercedes von Maas/Schlesser und Ferté, die problemlos in Führung lagen, um knapp drei Stunden vor Schluss mit einem Motorschaden ausfielen. Und so rutschte der Mazda mit dem kreischenden Wankelmotor an die Spitze – und sah sich dort auch keiner Konkurrenz ausgesetzt. Denn selbst mit moderaten Tempo konnte man die durstigen Jaguar auf Distanz halten.

Es war der erste, und bisher einzige, Sieg eines japanischen Herstellers. Es war auch der erste und einzige Sieg eines Motors, der nicht von Kolben angetrieben wurde. Und es war der erste und einzige Sieg von Volker Weidler, Betrand Gachot und Johnny Herbert. Und ja, es war das Rennen, bei dem Volker Weidler fast sein Gehör verloren hätte, weil der Wankel so laut war.

2018 könnte wieder das Jahr eines Teams sein, dass das Rennen überraschend gewinnen kann. Im letzten Jahr schrammte Jackie Chan DC Racing ganz knapp am Sieg vorbei. In diesem Jahr sind die Toyota haushohe Favoriten. Aber wer das nicht vorhandene Glück von Toyota in Le Mans kennt, der weiß, dass alles anders kommen kann. Selten war die Chance für ein „kleines“ Team so groß in Le Mans zu gewinnen.

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Schweinderl