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06:15

GP2/GP3: Halbzeit in Silverstone

Die beiden Juniorserien mit direktem F1-Anschluss nähern sich jenem Punkt der Saison, an dem sich die großen Talente schön langsam präsentieren sollten. Schade nur, dass beide zum zweiten Jahr in Folge eher enttäuschen.

Die Sommerpause der Formel 1 rückt unaufhörlich näher. Das freut nicht nur gestresste Mechaniker und ihre Angehörigen, sondern bietet auch manchen Teamchef Gelegenheit, sich im Bereich der Nachwuchsfahrer ein wenig genauer umzuschauen. Wenn die Scouts aber heuer in Richtung GP2 blicken, wird sich wohl unweigerlich ein wenig Enttäuschung breit machen. Denn derzeit sieht kaum danach aus, als wären diesmal große Talente a la Hamilton oder Rosberg dabei. Nach dem mittelmäßigen Jahr 2010 droht der Serie eine weitere Saison im Mittelmaß. Dabei waren vor Saisonbeginn die Hoffnungen noch groß. Gleich mehrere Piloten schienen sich für höhere Weihen zu empfehlen – doch überzeugen konnte keiner. Hat die Serie ein Problem?

Sam Bird, Esteban Gutierrez, Marcus Ericsson und vor allem Jules Bianchi – die Liste an angeblichen GP2-Favoriten war zu Saisonbeginn lang. Fast genauso lang ist nun jene der Enttäuschungen. Einzig Bird zog sich mit respektablen Leitungen und Rang vier in der Meisterschaft achtbar aus der Affäre. Der Rest ist in der Tabelle ab Rang 10 zu finden. Auch, wenn gelegentliche Glanzlichter dabei waren: Um in der Königsklasse als “the next big thing” zu gelten, ist das alles etwas dünn.

Stattdessen führt in der Meisterschaft ein Fahrer, der vor schon einmal als großes Talent gegolten hatte – und dann ziemlich klanglos in der Versenkung verschwand. Romain Grosjean hat sich nach seinem enttäuschenden F1-Einstand 2009 über kleinere Serien wie die AutoGP wieder zurück in die GP2 gekämpft. Der Franzose ist talentiert, und sicherlich besser, als seine Leitungen im Renault F1 vermuten ließen. Überhaupt: Die Qualität an der Meisterschaftsspitze ist zweifellos vorhanden.

Aber: Für die GP2-Organisatoren muss er trotzdem eine Art Horror-Titelkandidat sein. Denn er wäre nach Timo Glock und Giorgio Pantano schon der dritte Pilot in nur sieben Jahren, der nach einem missglückten Stint in der Formel 1 als Absteiger den GP2-Titel gewinnt. Für eine Serie, in der eigentlich junge Fahrer gutes Geld zahlen, um sich für den Aufstieg zu empfehlen, kann das auf Dauer nicht gut sein. Hinter ihm liegen mit Guido van der Garde und Davide Valsecchi zwei weitere alte Bekannte aus den vergangenen Jahren. Die “Verstopfung” mit ewigen Talenten an der Spitze der Tabelle, birgt auf Dauer die ernsthafte Gefahr, Jungtalente (und ihre Sponsoren) in andere Serien zu drängen. Kein Wunder etwa, dass das Niveau der Formel Renault 3.5 (bei allen Problemen, die auch diese Serie hat) in jüngster Zeit deutlich im Steigen begriffen ist.

Zugegeben: Viele Probleme der vermeintlichen Favoriten sind hausgemacht. Der verblüffendste Fall ist wohl jener von Jules Bianchi. 2008 in der F3 Euroserie schon gut unterwegs, hatte er die Rennklasse 2009 fast nach Belieben dominiert. Was auch Ferrari aufgefallen ist: Das noch von der Suche nach einem Massa-Ersatzfahrer gebeutelte Team sicherte sich die Dienste des Franzosen, und gliederte ihn in die hauseigene “Young Driver Academy ein”. Die Hoffnungen waren groß, dass er sich 2010 in der GP2 durchsetzen würde – und womöglich 2011 eine Chance in der Formel 1 bekommen könnte. Doch es kam anders: Gelegentlichem Aufblitzen seines fantastischen Grundspeeds standen häufige Fehler und unnötige Kollisionen gegenüber – und zu viele mittelmäßige Fahrten um Rang 10. Auch in seiner zweiten Saison scheinen sich die Dinge leider nicht wirklich zu bessern.

Ähnliche Probleme im Umgang mit Druck scheinen derzeit noch GP3-Meister Esteban Gutierrez zu plagen. Mit fünf Siegen und insgesamt acht Podien holte sich der Mexikaner im vergangenen Jahr in dominanter Weise die GP3 Meisterschaft. Dieses Ergebnis und die großzügige Unterstützung des Telmex-Konzerns von Carlos Slim brachten Gutierrez einen Platz als offizieller Test- und Ersatzfahrer bei Sauber ein. Auch von ihm wurde Großes für die laufende GP2-Saison erwartet, bisher weitgehend aber nicht erfüllt. Die Saison lief sogar so schlecht, dass Peter Sauber nach Sergio Perez’ Verletzung in Monaco Gutierrez als “noch nicht reif” für die Formel 1 einschätzte – und stattdessen den Edel-Pensionisten Pedro de la Rosa ins Cockpit hievte. Sein Sieg beim Sprintrennen in Valencia lässt aber zumindest leise Hoffnung aufkommen, dass er sich langsam an die professionelle Umgebung und das neue Auto gewöhnt.

Immerhin: Auch nach vier von neun Rennen ist in der Meisterschaft noch nichts entschieden. Die Tatsache, dass es 2011 keinen Überflieger gibt, hat nämlich auch dazu geführt, dass zwischen Platz eins und zehn in der Meisterschaft nur knapp mehr als zwanzig Punkte liegen (als ungefähr zwei Rennsiege – die GP2 verwendet noch das “alte” Punktesystem). Theoretisch steht die Türe also noch offen – auch für die bislang enttäuschenden Favoriten. Der Serie würde es gut tun, will sie sich weiter als unverzichtbare Station auf dem Weg in der Königsklasse bewähren.

GP3

Ein Problem hat auch die GP3: Zwar ist es der erst im vergangenen Jahr gegründeten Rennserie auf Anhieb gelungen, so viele Teams, Fahrer und Sponsoren anzuziehen, dass die Konkurrenten von der F3 Euro, der F2 oder gar der nicht mehr existenten Formula Master in arge Probleme gerieten. Als wahre Kaderschmiede hat sie sich aber noch nicht bewiesen, und auch die öffentliche Profil könnte etwas Schärfung vertragen. Die größte mediale Aufmerksamkeit erlangte die GP3 bislang dadurch, dass sie von Bernie Ecclestone als abschreckendes Beispiel für uninteressanten Motorsound genannt wurde.

Doch während sich die Ergebnislisten in der ersten Saison – abseits von Gutierrez’ Meistertitel – noch durch eine gewisse Beliebigkeit auszeichneten, scheint sich zumindest die Tabellenspitze 2011 etwas zu stabilisieren. Die Piloten auf den ersten vier Positionen konnte nicht so sehr durch einzelne Sternstunden, sondern durch beständige Leistungen überzeugen – meist ein sicheres Zeichen für eine gewisses Talent. Bis es die Herren Evans, Melker und Caldarelli aber ernsthaft in die Notizbücher der Formel 1 Chefs schaffen, müssen sie ihre Qualität aber noch etwas deutlicher unter Beweis stellen. So wie die Serie insgesamt.

Im TV

Die TV-Übertragungen laufen auch am kommenden Wochenende nach dem gewohnte Modus. Die GP2 fährt ihr Hauptrennen am Samstag nach dem Qualifying der Formel 1 (15:35 Uhr), das Sprintrennen am Sonntagvormittag (10:30 Uhr). Beides ist live bei sky sport 2 / sky sport HD 1 zu sehen. Die GP3 wird weiterhin nach dem bekannten (und auch nicht grade identitätsstiftenden) Modus auf Eurosport (HD) gezeigt. Will heißen: Am Sonntag um 9:00 Uhr gibts zunächst eine Aufzeichnung von Samstags-Rennen, und gleich im Anschluss (9:30 Uhr) live den Lauf vom Sonntag.

(Foto: GP2)

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Tags: GP2 GP3

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