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06:58

Formel Eins: Vorschau 2011 – Die Teams

Es geht, mit ein wenig Verspätung, wieder los. Der ausgefallene Grand Prix von Bahrain war für einige Teams offenbar Gold wert, denn bei den Tests sah nicht alle gut aus.

Es gibt viel neues in diesem Jahr. Der bewegliche Frontflügel ist weg, dafür kann man den Heckflügel jetzt in bestimmten Situationen flacher stellen. Doch die wichtigste Änderung betrifft wohl den Diffusor. Der darf nur noch einfach und nicht doppelt gebaut sein, was die Konstruktion des gesamten Hecks verändert. Dazu kommen die neuen Reifen von Pirelli, die auf Wunsch der FIA eine völlig neue Mischungen anliefern. Während die Bridgestone auch mal ein ganzes Rennen durch gehalten haben, zerbröseln die Pirelli schon nach wenigen Runden. Das wird die Strategie aller Teams in diesem Jahr komplett ändern, aber dazu dann am Donnerstag in der Vorschau mehr. Heute geht es erstmal um die Form der Teams, die ich so sortiert habe, wie ich sie im Moment zum Saisonstart sehe.

Eins noch vorweg: Während es vorne schon eng ist, kann man im Mittelfeld kaum sagen, wer da die Nase vorne hat. Im Grunde wird es bis in den Mai dauern, bis man einen einigermaßen sicheren Überblick haben wird. Das Problem ist auch, dass sich die Rangfolge wegen der neuen Reifen praktisch in jedem Rennen ändern kann. Keiner weiß, wie die Pirelli auf den verschiedenen Asphaltsorten und Temperaturen reagieren werden. Kann sein, dass Williams plötzlich in China in den Top 3 ist, um beim nächsten Rennen in der Versenkung zu verschwinden. Es geht nicht mehr nur um die reine Geschwindigkeit, sondern auch darum, wie gut man mit den Reifen umgeht. Ein “langsames”, konservativ gebautes Auto kann auf einer Renndistanz einen viel schnelleren Wagen schlagen, weil die Reifen nicht so schnell abbauen. Deswegen ist die folgende Vorschau eher ein Blick in die Kristallkugel.

1. Red Bull
Die Österreicher muss man auch in diesem Jahr ganz vorne sehen. Der RB7 machte bei den Tests einen sehr guten Eindruck. Und zwar nicht nur, was die Pace angeht, sondern auch was die Stabilität der Rundenzeiten betrifft. Denn die dürfte in diesem Jahr extrem wichtig sein. Der neue Red Bull ist wohl kein “Reifenfresser” was den Strategen 2011 viel Freiheiten gibt. Die Longruns sahen sehr gut aus, und zwar bei Webber wie Vettel, was ja auch nicht unwichtig ist. Ein paar Sorgen macht aber wohl die Kühlung. Die extrem kleinen und scharf eingezogenen Seitenkästen bergen die für Renault typischen kleinen Kühler, doch bisher waren die Temperaturen bei den Tests nicht sehr hoch. Es gibt also zumindest ein kleines Fragezeichen, aber der Grundspeed des Red Bull ist über den Winter nicht verschwunden.

2. Ferrari
Der 150° Italia ist keine Schönheit, das gesamte Design wirkt, verglichen mit anderen Wagen, sehr konservativ. Den Fehler, dass man Ferrari zu schnell einschätzt, begeht man schnell, weil man die Italiener ja immer vorne sieht. Bemerkenswert war allerdings die Zuverlässigkeit des neuen Wagen und die sehr konstanten Zeiten bei den Longruns. Auch der “Drop off”, also der Zeitenverlust gegen Ende eines Stints, ist wie bei Red Bull überschaubar. Ferrari hat sich, wie letztes Jahr, für ein Basis-Design entschieden, dass man updaten kann. Allerdings will man nicht, wie 2010, eine B-Variante bauen müssen. Ob das gelingt, bleibt mal abzuwarten. Mir fehlen bei Ferrari etwas die schnellen Zeiten bei den Tests, auch wenn sie meist in den Top 5 unterwegs waren. Den Italienern traue ich zu dem zu, dass sie das “sand bagging”, also das bewusste zurückhalten der eigenen Leistung, sehr weit getrieben haben.

3. Renault
Mit Robert Kubica hätte ich Renault auf Augenhöhe mit Red Bull gesetzt. Den Renault Designer ist ein guter Wurf gelungen, und das nicht nur wegen des Auspuffs, der vorne gerichtet ist. Der ganze Wagen macht einen sehr stabilen und guten Eindruck, bei den ersten Tests im Februar war man sofort vorne dabei. Nun ist Kubica, mit dessen Input man den Wagen entwickelt hat, nicht da und auch wenn Heidfeld laut Eric Boullier sehr ähnliche Vorstellungen von einem Wagen hat, wie der Pole, ist Renault doch etwas schlechter dran. Dennoch hat man mal wieder ein Auto, dass zumindest für ein paar Podien gut ist und Heidfeld ist ein Fahrer, dem das gelingen könnte. Renault ist in diesem Jahr für mich das “dark horse” schlechthin, und das nicht nur wegen der Farbe.

4. Mercedes
Mercedes und Ross Brawn stehen unter Druck. Noch so eine Saison wie 2010 kann man sich nicht erlauben, aber der Abstand zur Spitze ist nicht so leicht zu verringern. Brawn hat sich für eine nicht ungefährliche Strategie entschieden. Erst testete man ein Basis-Chassis um eine Grundabstimmung zu finden, dann klebte man die Updates auf den Wagen. Das hat in letzten Jahr schon nicht so richtig geklappt. Der Wagen wurde erst dann besser, als man nicht mehr weiterentwickelte und die Fahrer ihre Abstimmung finden ließ. So hatten Schumacher und Rosberg fiel damit zu tun, die Updates auf den Wagen anzupassen. Kein Wunder, dass beide Piloten auch vorsichtig sind. Im schlimmsten Fall sieht man sich rund 0,7 Sekunden hinter Red Bull, was auch mein Eindruck war. Grundsätzlich habe ich aber das Gefühl, dass Mercedes zum Start der Saison besser da steht, als im letzten Jahr. Interessant dürfte sein, wie der W02 mit dem doch sehr kurzen Radstand klar kommt. Der Abstand nach vorne ist aber geringer, ein Podium sollte drin sein, wenn die Quali-Ergebnisse stimmen.

5. McLaren
Die Briten haben das mit Abstand aggressivste Design in diesem Jahr. Nase, die L-förmigen Lufteinlässe, ein komplett neues Auspuffsystem. Dazu hat man bei den Tests einen neuen Unterboden angeschleppt und einiges am Frontflügel ausprobiert. Man wird den Eindruck nicht los, dass der McLaren eine Baustelle ist. Aber eine durchaus schnelle. Das neue aerodynamische Konzept scheint durchaus zu passen, man muss es halt erst einmal komplett verstehen. Und dafür fehlte wohl die Zeit. Völlig unverständlich finde ich in diesem Zusammenhang auch die Entscheidung, dass man erst den alten Wagen mit dem Pirellis getestet hat. McLaren hat so von allen Top-Teams am wenigsten Kilometer gefahren, was sich zu Beginn der Saison rächen wird. Das Team hat die Erfahrung und die Ressourcen den Wagen an die Spitze zu bekommen, aber ich habe die Vermutung, dass man die ersten Rennen kaum eine Chance haben wird. Das könnte dann auch die WM-Chancen schmälern, allerdings ist die WM ja sehr lang und man hat im letzten Jahr bei Ferrari gesehen, was ein Zwischenspurt bringen kann.

6. Williams
Williams überrascht dieses Jahr mit einem Wagen, der ein sehr extrem gebautes Heck hat. Kein anderes Team, auch nicht der hinten sehr eng gebaute Red Bull, sind derartig knapp gebaut, wie der FW33. Die eigenartige Bauweise sorgt dafür, dass Heckflügel und vor allem der Diffusor ungestört angeströmt werden und damit mehr Abtrieb generiert. Das Team kämpfte bei den Tests zwar mit einem sehr bockigen, unruhig liegenden Wagen, zeigte aber auch hervorragende Zeiten. Bei Williams muss man allerdings immer etwas vorsichtig sein, da sie die Eigenart haben, bei den Tests schon mal etwas leichter als der Rest unterwegs zu sein. Das ist angesichts der klammen Finanzen nachvollziehbar, macht die Einschätzung des Teams aber nicht leichter. Barrichello zeigte sich zufrieden, aber nicht euphorisch. Ein weiteres Problem für Williams in der Konstrukteurs-WM dürfte der Einsatz des unerfahrenen Pastor Maldonado sein. Ob der direkt mithalten kann, möchte ich mal bezweifeln. Dennoch – wenn der FW33 ein Volltreffer ist, wird man Williams öfter in Q3 sehen. Ein Podium wird allerdings schwer werden.

7. Sauber
Nach dem Übergangsjahr 2010 muss Sauber in diesem Jahr einen Schritt nach vorne machen. Mit James Key hat man einen vielversprechenden Designer geholt, der allerdings dann auch dementsprechen unter Druck steht. Der C30 ist unspektakulär und hat einige Elemente, gerade im Bereich der Front, die an die letzten beiden Force India erinnern, wo Key ja vorher gearbeitet hat. Der Wagen wirkt konservativ, eher eine Basis für die kommenden Weiterentwicklungen im Jahr 2011. Klar, Sauber wird nicht um Siege fahren, aber der Schritt in die Top Ten sollte regelmäßig passieren. Und das wird dieses Jahr sehr schwer werden. Der C30 zeigte sich in den Tests unauffällig, aber schnell. Key ist bekannt dafür, dass seine Wagen einen guten Topspeed haben, dafür mangelt es schon mal an Abtrieb. Das Problem scheint dieses Jahr nicht da zu sein, die Zeiten der Longruns in Barcelona sahen gut aus. Dazu kommt, dass Kobayashi sicher wieder für Aufsehen sorgen wird, aber auch Perez in den Tests gezeigt hat, dass er vielleicht besser ist, als man vermutet.

8. Toro Rosso
Beim zweiten Red Bull Team muss man sehr wachsam sein. Die Idee mit dem quasi geteilten Chassis ist interessant und man zeigte sich bei den Tests sehr zufrieden. Im Grunde liegen Williams, Sauber und Toro Rosso so eng beieinander, dass die Unterschiede sich, wie im letzten Jahr, wohl nur im Tausendstel-Bereich werden messen lassen. Problematisch ist bei Toro Rosso in diesem Jahr wohl nicht das Chassis, sondern eher der interne Druck. Sebastian Buemi muss zeigen, dass er in den letzten zwei Jahren was gelernt, auch Jaime Alguersuari steht unter Druck. Denn als Ersatzfahrer hat man Überflieger Daniel Ricciardo im Team, der an einigem Freitagen unterwegs sein wird. Franz Tost hat schon vor der Saison klar gemacht, dass beide Einsatzfahrer jederzeit gegen Ricciardo ausgetauscht werden können. Ich bin kein Freund dieses Systems, da es mehr Unruhe ins Team bringt und die Fahrer zu mehr Risiken zwingt. Bei Renault hat man gesehen, dass die “hire und fire” Menatalität von Briatore dem Team nicht geholfen hat.

9. Force India
Das Team von Vijay Mallya leidet immer noch unter der erzwungenen Umstrukturierung des Design- und Aeroabteilung. Das merkt man dem neuen Wagen wohl auch an, auf den ersten Blick nicht viel anders, als das Modell des Jahres 2010 aussieht. Doch man hat schon einiges geändert und der Wagen wirkt insgesamt kompakter. Die Frage wird nur sein, ob das neue, sehr junge kaum eingespielte Entwicklungsteam mit dem Tempo mithalten kann, in dem die anderen Teams entwickeln werden. Klar, man wird sich im Mittelfeld aufhalten, aber ich sehe in diesem Jahr nicht, dass Force India der Sprung in Q3 oft gelingen wird. Ich habe eher die Befürchtung, dass man sich mehr nach hinten wird orientieren müssen, denn da drückt Lotus. Weit vorne wird man weder Sutil noch di Resta sehen. Und ob der Schotte das Zeug für die F1 hat, muss er auch erst noch zeigen. Bei den Tests machte er keinen sehr schnellen Eindruck.

10. Lotus
Von all den neuen Teams hat Team Lotus mit Sicherheit den größten Schritt gemacht. Der neue T128 sieht nicht nur gut aus, sondern war auf Anhieb auch schon schnell. Probleme machen wohl ein sehr nervöses Heck und ein damit verbundener hoher Reifenverschleiss. Das könnte sich gerade dann als Nachteil erweisen, wenn Lotus mal mit viel Glück an den Punkten kratzen wird. In der Quali wird man versuchen Q2 zu erreichen, aber der Abstand nach vorne ist doch noch so groß, dass man dafür die Hilfe der anderen Teams brauchen wird. Dennoch wird Lotus in diesem Jahr nicht mit den anderen “neuen” hinten rum kurven, sondern durchaus im hinteren Mittelfeld mit Force India kämpfen.

11. Marussia Virgin
Man hatte sich bei Virgin viel vorgenommen, zu mal man mit dem Geld von Marussia auch mehr Spielraum hat. Das Ergebnis ist alledings mehr als enttäuschend. Der Virgin MVR-02 fuhr bei den Tests nur hinterher und quälte die Fahrer zu dem mit jeder Menge Kinderkrankheiten. Teilweise kam man nur auf Installationsrunden, und das den ganzen Tag. Die Idee, den Wagen komplett per CFD zu entwickeln, zahlt sich auch im zweiten Jahr nicht aus, die Probleme des Wagens sind in allen Bereichen mehr als deutlich. Das bedeutet, dass Virgin in diesem Jahr wieder regelmäßig die letzten Plätze belegen wird. Ohne das Geld aus Russland hätte ich noch geschrieben, dass sie ein Wackelkandidat sind, aber man wird die Saison wohl überstehen.

12. HRT
Kein Geld, kein vernünftiges Auto. Was bei HRT zählt, ist der Sportsgeist. Der HRT 111 ist nur eine Weiterentwicklung des Dallara-Chassis, das im letzten Jahr schon teilweise so langsam war, dass ein GP2 Chassis mit dem Cosworth vielleicht besser gewesen wäre. Der erfahrerne Designer Goeff Willis hat sich dem HRT angenommen und vermutlich im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten sein Bestes gegeben. Ich ziehe jetzt schon den Hut vor Colin Kolles, der es irgendwie schafft, dass das Team doch weiter existiert. Ob man die gesamte Saison überleben wird? Schwer zu sagen, es blickt kaum einer durch, wo das Geld für HRT überhaupt herkommt. Die Besetzung in diesem Jahr ist auch eher als exotisch zu beschreiben. Narain Karthikeyan ist nicht unerfahren, aber langsam. Vitantonio Liuzzi wird ihn regelmäßig schlagen, aber selbst wenn der Italiener all seine schlechten Eigenschaften ablegt wird er mit dem HRT nichts reißen können.

Fazit:
Die Vorschau ist nur eine Momentaufnahme. Die Saison ist lang, da wird sich viel ändern. Aber grundsätzlich kann man schon sehen, dass das Feld in drei Teile zerfällt. Die schnellsten, also Red Bull, Ferrari, Renault, Mercedes und McLaren, dann das kompakte Mittelfeld und am Ende kurven Virgin und HRT rum. Daran wird sich grundsätzlich auch nichts ändern. Ich glaube kaum, dass Sauber oder Toro Rosso der Sprung unter die ersten fünf gelingen wird, ebenso wenig wird ein Top Team im Nirvana der Mittelklasse versinken. Die Klassen sind also besetzt, die Frage wird nur sein, wer am Ende vorne sein wird. Da traue ich einigen Teams durchaus eine Überraschung zu. Es wird in diesem Jahr nicht leicht sein, den Konstrukteurstitel zu gewinnen und das Team, dass den Fahrer-Weltmeister stellt, wird nicht zwingend auch Team-Weltmeister werden.

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Schweinderl